Interview mit Dr. Dr. med. Rahim Schmidt

Dr. Dr. med. Rahim Schmidt

MdL, Forschungspreisträger des Deutschen Hausärzteverbandes, Rheinland-Pfalz Auszug aus dem Interview mit Herrn Dr. Dr. Rahim Schmidt für die Online-Zeitung "Irs (Erbe)", Nr. 2 (7), Sommer 2014

EIN ASERBAIDSCHANISCHER SOHN EBNET SEINEN WEG IN DERFREMDE! RAHIM SCHMIDT (GEB. DADEBIGLU) IST EIN DEUTSCHER POLITIKER IRANISCH-ASERBAIDSCHANISCHER ABSTAMMUNG. ER IST AUCH ERSTER LANDTAGSABGEORDNETER MIT MIGRATIONSHINTERGRUND IN RHEINLAND-PFALZ.

P.S. Zum Zeitpunkt des Interviews saß Herr Dr. Dr. Schmidt als Abgeordnete der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im rheinland-pfälzischen Landtag. Seit 2016 ist er CDU-Mitglied. 

Herr Schmidt ist darüber hinaus sozial und ehrenamtlich aktiv engagiert   sowie hält regelmäßig öffentliche Vorträge zu gesellschaftlich relevanten Themen. Er ist auch als einer der erfolgreichsten Vertreter der aserbaidschanischen Diaspora in Deutschland bekannt. Der grüne Politiker ist mit einer Ärztin verheiratet und hat einen Sohn. Neben der Politik setzt er seine Tätigkeit als Mediziner fort. IRSErbe sprach mit ihm. 

Zunächst eine persönliche Frage: Wie hat es Sie vor 36 Jahren als Teenager aus dem iranischen Aserbaidschan nach Deutschland verschlagen?

Zunächst möchte ich meine Landsleute in Aserbaidschan auf herzlichste grüßen und umarmen und bedanke ich mich bei IRS-Erbe für das Interesse und die sehr schöne Idee, unsere aserbaidschanische Kultur, Musik, Geschichte und unser wunderschönes Land der Welt bekannt zu machen. Ich habe als Kind von Aserbaidschan, unserer Heimat, viel geträumt und werde sie hoffentlich im nächsten Sommer zum ersten Mal besuchen. Ich tue alles, um dem Land zu dienen. 

Als ich noch in der Schule war, wollte ich die weite Welt kennenlernen, um das Beste aus meinem Leben zu machen. Dies geht vor allem durch Bildung. Zu der Zeit lebte und studierte schon eine Verwandte von mir in Marburg, so dass ich am 23. September 1978 aus Mianeh in Süd-Aserbaidschan nach Marburg kam. Heute lebe ich mit meiner Frau, Sohn und Hund in Mainz. Im Iran hatten wir etwas Kontakt zu einer deutschen Familie, die bei uns arbeitete. Deutschland war dort für die Qualität seiner Arbeit und Verlässlichkeit bekannt. Helmut Schmidt war in der Schule für mich ein Vorbild. Meine erste Vermieterin in Marburg hieß auch Frau Schmidt, später heiratete ich eine andere Frau Schmidt aus Essen (NRW). Aber auch in Schweden hatte ich Verwandte und von dem Land war ich in der Schule schon richtig begeistert: ein kleines Land ohne Rohstoff e hatte ein gutes Bildungs- und Sozialsystem, war stark im Sport, International bekannt durch die Nobelpreis-Vergabe und ein gutes Ansehen in der Welt.

Was bedeutet Heimat für Sie?

Heimat ist ein Schutzraum für die frühkindliche Bildung und Sozialisation. Später wird dieser deine Innere Welt zu dir selbst und zu anderen in der Welt. Sie wird die Farbe und Klang deiner Gedanken, Träume, Phantasien und bestimmt deine Lebensphilosophie. Die Suche nach Sinn. Ich habe folgende Geschenke aus meiner Heimat hierher mitgenommen: Lebensfreude, Musik, Off enheit für verschiedene Lebensentwürfe, Gastfreundschaft, Gelassenheit, Humor und die Freude Bedürftigen zu helfen. Dies tue ich als Vorsitzender des Vereins „Armut und Gesundheit in Deutschland“, durch den ich Obdachlose, Krebspatienten und sterbende Menschen betreue.

Thomas Mann hat damals in seinem US-Exil gesagt: „Wo ich bin, ist Deutschland. Ich trage meine deutsche Kultur in mir.“ Warum ist es so schwierig, sich von seiner (ursprünglichen) Heimat loszusagen? Kann man sich verschiedenen Heimaten gleichzeitig zugehörig fühlen?

Ich kann dem Thomas Mann nur zustimmen.

Wo ich bin, sind Aserbaidschan und Iran. Ich trage aserbaidschanische/iranische Lebenswelt in mir. Niemand sollte und kann sich eigentlich von seiner Heimat lossagen. Die Heimat ist Hoffnung und Resilienz, Ort der Geborgenheit. Einen Baum ohne Wurzeln kenne ich nicht, wer in dieser Welt Früchten tragen will, kümmert sich um seine Wurzeln. Das ist die Heimat. Sie wird umso wichtiger, je älter man wird. Goethe sagt: Eins ist alles, alles ist eins. Ich habe verschiedene Heimaten: Aserbaidschan, Iran, Deutschland, Europa, die Welt, Philosophie, Wissenschaft und Forschung.

Migration bzw. Integration sind aktuelle Themen öffentlicher Debatten in Deutschland. Für wie erfolgreich halten Sie hierzulande die Integrationsleistung in letzten Dekaden?

Migration ist ein offener Weg und hat viele Facetten. Es gibt spezifische Migrationsprozesse im Leben jeder Menschen, die je nachdem aus welcher Motivation heraus von A nach B migrieren möchten. Sie kann für manche Verunsicherung, Entwurzelung und Befremdung bedeuten, die sehr oft mit psychosomatischen Folgen begleitet werden. Es ist ein chronischer Stress und hat mit schichtspezifischen Besonderheiten und Kompensationsfähigkeiten der Betroffenen zu tun. Integration ist zunächst eine individuelle kulturelle Leistung.  Aus meiner Sicht ist die Integration marginal erfolgreich.

Einen erheblichen Teil von Migranten in Deutschland bilden die Menschen aus muslimischen Ländern. Was sind die spezifischen Probleme und Lösungswege bei der Integration dieser Menschen?

In den letzten Jahren wird das Thema Integration von Religion dominiert und das ist höchst problematisch und auf lange Sicht weder kalkulierbar noch steuerbar, wie die Erfahrungen der Vergangenheit aber auch heute in Libanon, Sudan, Syrien, Pakistan, Türkei und Iran zeigen. Der Molana sagte: Glaube ist die Liebe zwischen mir und meinem Gott! Damit fühle ich mich sehr verbunden. Glaube ist etwas wunderbares, wenn sie privat bleibt. Glaube und Politik haben zwei vollkommen unterschiedliche Zielsetzungen und können nicht miteinander vermischt werden. Gerade als Arzt erlebe ich, dass der Glaube für viele Menschen Geborgenheit, Halt, Sinn, Spiritualität, Auftrag für sozio-ökologisches Handeln, Zufluchtsort und geistige Werte bedeutet. Und genau diese wunderbaren Werte werden durch Vermischung und Unterwanderung der Politik missbraucht. Was wir brauchen ist Bildung und Lebensperspektive mit sozialen Sicherungssystemen für die Menschen.

Hier muss der Staat Aufklärung betreiben und in die Bildung investieren. Redefreiheit, Demokratie, gute Versorgungssysteme und gute Familien-Politik sind nachhaltige Präventionsmaßnahmen gegen patriarchalische aber auch engstirnig machthungrige Männern, die die Welt in schwarz und weiß, Feind und Freund aufteilen und damit Kindern die Chancen bewusst verbauen, in einer globalisierten Welt mehrgleisig zu denken und zu handeln. Die Identität und die Zugehörigkeit eines Menschen in einer Gesellschaft wird nicht durch Religion, also uns voneinander trennenden, sondern uns alle verbindenden Werten definiert und bestimmt. Und das sind Meinungsfreiheit, Menschenrechte, Umwelt- und Tierschutz, kritisches Hinterfragen, Ethik- und Philosophieunterricht anstatt separierender Religionsunterricht. Ohne Photosynthese der grünen Pflanzen mit Sauerstoff  gäbe es kein Wasser, keine Luft – also kein Leben. Männer möchten gerne dominieren und beherrschen und all das wird dem lieben Gott in die Schuhe geschoben. Sogar das Töten und Morden der unschuldigen Menschen. Wir als Jäger und Sammler kennen nicht anderes. Wir werden als Junge erzogen und vielleicht als Kind geschlagen. Diese seelischen Narben, das Erleben von Ohnmacht und Mangel an Liebe, möchten wir später mit Gewalt und Waffen ausgleichen. Wer Frieden will, muss die frühkindliche Bildung, vor allem die der Männer, anderes gestalten.

Probleme: Mangel an Bildung und emanzipatorische Erziehung gerade für die Frauen in solchen Ländern. Die Sitten und Rituale müssen heute mit den Grundrechten und dem Zeitgeist kompatibel sein. Lösungen: Trennung von Religion und Politik. Säkularität war und ist eine epochale Leistung und ist im Sinne der Gläubigen selbst, weil dadurch der Missbrauch von Männern für Machtzwecke minimiert wird. Die staatlichen Institutionen müssen fern vom Einfluss der Religionen sein. Es kann keine Sonderrechte, Sonderwünsche und Rabatte für politische Religionen geben. Deshalb habe ich den „Bundesweiten Arbeitskreis Säkulare Grüne“ in Deutschland bei der Partei Bündnis 90/Die Grünen gegründet (www.saekulare-gruene.de) und bin als Bundessprecher in Deutschland unterwegs.

“Bildungschancen sind Lebenschancen” besagt ein bekannter Spruch. Wie besonders wichtig ist diese Botschaft im Sinne erfolgreicher Integration von Einwanderern?

Bildung und Sprache sind die Basis für eine erfolgreiche Integration: Fördern und Fordern. Hier muss die Politik selbstbewusst ihre Überzeugung mit Nachdruck verfolgen und in die Sprache, kritischen Dialog, Kultur, in sozial-wirtschaftliche Projekte investieren und keinerlei Kompromisse bei den klerikal gesteuerten Kräften machen. Hier verweise ich gerne auf einen Beitrag von Prof. Bassam Tibi: „Europa ohne Identität?“

Rudyard Kiplings berühmtes Zitat „Ost ist Ost, West ist West, sie werden nie zueinander kommen“ versucht die junge Republik Aserbaidschan, auf ihre Art und Weise zu widerlegen, indem sie oft gerne als Gastgeber kultureller und sportlicher Veranstaltungen europäischen Ausmaßes auftritt. Der 57. Eurovision Song Contest 2012 ist ein jüngstes Beispiel dafür. Auch werden die ersten Europäischen Olympischen Spiele 2015 in Baku stattfi nden. Wie beurteilen sie das Potenzial des Kaukasuslandes, eine wirkliche Brückenfunktion zwischen West und Ost zu erfüllen?

Ich muss hier dem Rudyard Kiplings vehement widersprechen. Die Welt ist weder schwarz oder weiß, noch nur grau. Es gibt sehr viele unterschiedliche Beispiele: Europa geeint in Vielfalt ist vor der eigenen Tür ein lebendiges Beispiel. Die Zeit der digitalisierten Globalisierung verändert die Welt und verlangt praktische Konzepte. Die politische Aufgabe ist es, perspektivisch Lösungen anzubieten, sich nicht aus der Verantwortung ziehen und sich nicht hinter alten Gedankenmustern verstecken. Ich betone immer wieder, dass Aserbaidschan selbstbewusst, vorbildlich und klüger als alle anderen ehemaligen Sowjet-Republiken eine Brücke zu Europa mit Erfolg gestaltet. Aserbaidschan hat viel Potential im Bereich Kultur, Musik, Wirtschaft und noch vieles mehr anzubieten.

Europa muss dieses friedensstiftende Engagement von Aserbaidschan in einer geostrategisch sehr wichtigen und unruhigen Region anerkennen und unterstützen. Säkularität und Bildung werden in Aserbaidschan groß geschrieben. Also Aserbaidschan ist auf einem richtigen Weg.

Sie sind fachpolitischer Sprecher Ihrer Fraktion für Forschung und Gesundheit im rheinland-pfälzischen Landtag. Was sind die aktuellen Fragen bzw.

Herausforderungen in diesem Bereich?

Eine nachhaltige Demokratie lebt von gerechten und zukunftsfähigen Sozialsystemen. In meiner Funktion als Obmann für Medizin im Sozial-Ausschuss und

Mitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Gesundheit und Forschung sorgen wir im Parlament dafür, dass Fehlversorgungen beseitigt werden, die Lasten fair verteilt werden und die Gelder für medizinisch sinnvolle Aufgaben investiert werden, damit wir fi nanzielle Mittel für Forschung und Innovation bereitstellen können. Wir suchen auch neue Wege mit Hinblick auf den demographischen Wandel und die Integration von Telemedizin.

Wo sehen sie den Vorbildcharakter Deutschlands auf diesem Politikfeld (Forschung/Gesundheit) für Länder wie Aserbaidschan?

Die Ausbildung, Lehre und Forschung praxisnah koordinieren, gleichzeitig die Spitzenleistungen gezielt, wie in der Krebstherapie, fördern.  Bildung, Forschung und Innovation ist ein Kapital, was zu jeder Zeit auch auf dem Börsenmarkt besser als Öl, Gold und Diamant seine Werte behält. Die Kommunikation, Koordination und Kooperation im Hinblick auf die Überwindung der Sektoren in der medizinischen Versorgung schont unsere Ressourcen. Wichtig ist es auch auf diesem Gebiet die Vereine und ehrenamtliches Engagement zu kultivieren. Politik und der Staat können nicht alles allein regeln. Jeder sollte sich verantwortlich für sein Land und für die Menschen sein. Als Vorsitzender des Vereins  „Armut und Gesundheit in Deutschland“ (www. armut-gesundheit.de) und der Mainzer Gesellschaft für Medizin (www.mg-mainz.de) versuchen wir eine Brücke zwischen Medizin, Aufklärung und Prävention in die Gesellschaft zu schlagen und obdachlosen Menschen zu helfen.

Die aserbaidschanische Hauptstadt Baku ist Partnerstadt von Mainz. Wie wichtig sind für Sie solche Partnerschaften für die kulturelle Bereicherung und Annäherung zwischen Aserbaidschan und Deutschland.

Wer heute in der Welt erfolgreich sein möchte, muss gut vernetzt sein, mit Nachbarn und mit der Welt in einen offenen und ehrlichen Dialog treten. Eine erfolgreiche Politik betrachtet Kritik, Transparenz und Meinungsfreiheit in einer konstruktiven politischen Kultur als Chance und nicht als Bedrohung.

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