Üseyir Hadschibäyov

Samira Patzer İsmailova

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Irs-az.com

No 1, 2012

ES IST SICHER KEIN ZUFALL, DASS IM 20. JAHRHUNDERT VIELE NATIONALE KOMPONISTENSCHULEN IN ASERBAIDSCHAN ENTSTANDEN. IHRE ENTWICKLUNG IST EIN FOLGERICHTIGES ERGEBNIS DER LANGJÄHRIGEN ENTWICKLUNG DES GEISTIG-KULTURELLEN LEBENS ASERBAIDSCHANS.

Üseyir Hadschibäyov

Allerdings brauchte dieser Prozess gewisse historische Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, bestimmte Faktoren, um geeignete Musiker hervorzubringen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts vollzogen sich viele gesellschaftspolitische Änderungen in Südkaukasien. Diese Veränderungen beeinflussten sowohl die Musik, als auch andere Kunstrichtungen, die jahrelang von alten Traditionen beherrscht wurden. Das 20. Jahrhundert war von der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten und neuen ästhetischen Werten und Formen in der aserbaidschanischen Musikkultur gekennzeichnet. Und diese Suche führte neue Schaffenskräfte zum Ursprung zurück – zur Volksmusik.

Während die Herausbildung einer professionellen Musikkultur in Europa mehrere Jahrhunderte angedauerte, reichte Aserbaidschan – einem Land mit islamischen Kulturtraditionen und einem komplizierten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Hintergrund – für die Herausbildung einer professionellen Musikkultur ein knappes Jahrhundert. In dieser Zeit vollzog sich eine Entwicklung von der Volksmusik hin zur zeitgenössischen Avantgarde und diese Entwicklung fand in fast allen Musikformen statt.   

Viele Diskussionen wurden in jener Zeit über die unterschiedlichen Wege der Entwicklung geführt: Sollte sich die aserbaidschanische klassische Musik in Richtung der europäischen Musik entwickeln? Wie kann die aserbaidschanische Musik sich in die Weltmusikszene einfügen und dabei gleichzeitig ihre Einzigartigkeit bewahren? – All diese Fragen beantwortete Üseyir Hadschibäyov mit seinem Lebenswerk.

Der 1885 in der Region Berg-Karabach geborene Komponist, Musikwissenschaftler, Publizist und Dramaturg Üseyir Hadschibäyov ging in die Musikgeschichte Aserbaidschans als Begründer der aserbaidschanischen Komponistenschule ein und wurde damit zu einem Klassiker in der gesamten Musikkunst. Er schuf erstmals Genres wie die Oper und die musikalische Komödie im Orient, er organisierte das erste symphonische und Volksinstrumentenorchester, gründete das Aserbaidschanische Staatliche Konservatorium, übertrug aserbaidschanische Volksmusik in Notenschrift und verfasste wichtige wissenschaftliche Abhandlungen zur aserbaidschanischen Musik.  

Berg-Karabach ist ein Teil des ehemaligen Fürstenturms Karabach. Die Eltern von Üseyir Hadschibäyov gehörten Ende des 19. Jahrhunderts zu den dort angesehenen Familien. Seine Kindheit verbachte Üseyir in seiner Heimatstadt Schuscha, der berühmten Hauptstadt Karabachs, welche stets eine Wiege der faszinierenden Kultur Aserbaidschans war. Das reiche musikalische Leben der Stadt sollte den jungen Komponisten in seiner weiteren künstlerischen Entwicklung nachhaltig prägen. Schuscha galt aufgrund seiner Gesangstraditionen und meisterhaften Instrumentalisten als ‚Konservatorium Kaukasiens‘. Die Stadt war geprägt durch eine besondere Atmosphäre, die sich in ihrer schönen Natur, ihren berühmten Pferden, in der Musik und im Gesang sowie in der Poesie, der Malerei und der Teppichkunst widerspiegelte. Die Musik und vor allem die Mughamschulen Schuschas wurden als die als Heimat der „Karabachischen Nachtigallen» bezeichnet. Sie besangen die aserbaidschanische Seele und wurden zum Symbol für den Schöngeist, der damals in Schuscha herrschte.

Seit seiner Kindheit nahm Üseyir Hadschibäyov an vielen musikalischen Medschlisen teil, sang aserbaidschanische Lieder und erlernte die Geheimnisse des aserbaidschanischen Mugham. Mit 14 Jahren wollte Üseyir eine Ausbildung am Lehrerseminar in Gori beginnen. Da er zwar einer guten, aber nicht vermögenden Familie entstammte, baten seine Verwandte die Fürstin Churschud Banu Natavan um Unterstützung. Die berühmte Poetin Churschud Banu Natavan, die aus einer adeligen Familie, einem Chan, stammte, war eine fortschrittliche Frau, die auch in Männergesellschaften ohne Schleier auftrat, Musik und Poesieabende organisierte und junge Menschen in ihrer Ausbildung unterstützte. So half sie auch dem jungen Talent aus Schuscha und sollte eine bedeutende Rolle bei der Formierung der Weltanschauung des jungen Üseyir spielen, vor allem im Bezug auf die Frage nach der Rolle der Frau in der orientalischen Gesellschaft.

Das Lehrerseminar in Gori war eine Schule, die zukünftige Lehrer auf sehr gutem Niveau heranbildete. Das Seminar war international ausgerichtet und vermittelte über russische Lehrkräfte und Lehrmaterialien europäisches Wissen an seine Studenten. Während seines Studiums zwischen 1899 und 1904 begegnete Üseyir der klassischen europäischen Musik. Schnell erwies er sich als sehr begabt Talent. Er lernte sehr schnell, so dass er bald im Orchester der Schule mitspielte und mehrere Instrumente beherrschte.

So begann der lange Weg des jungen Üseyir Hadschibäyov, der zum Begründer der aserbaidschanischen Kunstmusik und der modernen Musikerziehung in Aserbaidschan werden und große Verdienste um die theoretische Erforschung der aserbaidschanischen Volksmusik erwerben sollte!

Üseyir Hadschibäyov schuf ein neues Konzept der systematischen musikalischen Ausbildung in Aserbaidschan. Auf seine Initiative hin wurden viele musikalische Ausbildungsstätten gegründet, u.a. auch das erste Musik-Gymnasium. Auf der Basis dieses Musik-Gymnasiums gründete sich später das Aserbaidschanische Staatliche Konservatorium, das bei der Entstehung der professionellen Komponistenschule des Landes die Hauptrolle spielte. Aus dieser musikalischen Bildungsstätte ging eine Reihe namhafter Komponisten der neuen Generation hervor, die als ‚Nachfolger Hadschibäyovs‘ schließlich die „Aserbaidschanische Komponistenschule des 20. Jahrhunderts“ bildeten. Üseyir Hadschibäyov stellte die Theorie der gegenseitigen Bereicherung der Kulturen schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Vordergrund seines musikalischen Tuns. Diesen Weg beschritt er auch weiterhin auf konsequente, praktische Weise, indem er das erste Konservatorium im Orient gründete, wo ein neues musikalisches Bildungssystem durch die Etablierung von Lehrstühlen für klassische Musik als auch für orientalische Musik und Volksinstrumente eingeführt wurde. Er etablierte das westliche Notationssystem und schuf dadurch Kompositionsmöglichkeiten unter Einbeziehung der aserbaidschanischen Volksinstrumente. Dies war eine revolutionäre Vorgehensweise. Zugleich eröffnete er dadurch einem internationalen Interessentenkreis den Zugang zu einer verschriftlichten aserbaidschanischen Volksmusik.

Ü. Hadschibäyov dirigiert den Chor der Philharmonie, 1938

In den 1930er und 1940er Jahren schuf Hadschibäyov die ersten aserbaidschanischen Chor- und Instrumentalwerke, außerdem komponierte er Kunst- und populäre Lieder und bearbeitete alte Volkslieder. In das traditionelle Tonsystem der Tar führte er chromatische Elemente ein und erarbeitete ein theoretisches System der aserbaidschanischen Modi im Rahmen des gleichtemperierten Systems. Des Weiteren erschuf Hadschibäyov ein Grundmuster für die Synthese der traditionell-aserbaidschanischen Musik mit der europäischen Kunstmusik. Seine Forschungen und Ergebnisse veröff entlichte er in Buchform und sie sind noch heute Standardwerke zur aserbaidschanischen Musik und Musikgeschichte.

Die Weiterentwicklung des traditionellen Musikinstrumentes Tar und die Gründung eines ‚notierten‘ Orchesters unter Nutzung von Instrumenten der Volksmusik, das sowohl klassische Werke als auch traditionell-aserbaidschanische Volkslieder und Stücke von Hadschibäyovs selbst spielte, war ein weiterer Schritt der Verschmelzung westlicher und orientalischer Musiktraditionen.

Hadschibäyov machte sich außerhalb der Musik auch im Bereich der Pädagogik und Publizistik einen Namen. Sein Leben lang versuchte er, das Bildungsniveau und das eigenständige Denken seiner Landsleute zu fördern und auszuweiten. Er schrieb Lehrbücher für Schulen wie Mathematiklehrmittel und Sprachlexika, übersetzte Werke der Weltliteratur ins Aserbaidschanische wie beispielsweise die Erzählung „Der Mantel“ von Nikolaj Gogol.

Im Jahr 1948 verstarb Üseyir Hadschibäyov Alter von 63 Jahren in Baku. Er war Zeitzeuge von drei Revolutionen, drei unterschiedlichen Regierungssystemen und drei Alphabeten in Aserbaidschan. Während der stalinistischen Säuberungen in den 1930er Jahren stand er mehrfach auf der sogenannten ‚Schwarzen Liste‘ und ihm wurde mit Verhaftungen gedroht. In dieser Zeit versuchte er den Künstlern und ihren Familien, die sich dem grausamen Schicksal der Repressionen nicht entziehen konnten, zu helfen und riskierte dabei selbst sein Leben. Bestimmt konnte er sich dem Einfl uss dieser Ereignisse nicht entziehen und bestimmt musste er schwierige Entscheidungen treffen, aber als ein ehrlicher Künstler, brachte er den freien Geist und seinen starken Willen mit den von au- ßen gesetzten Grenzen zusammen. Er hörte nicht auf, die Kultur- und Aufklärungswegen seiner Zeit zu fördern und die kulturellen Errungenschaften der jungen Nation zu verteidigen. Er blieb ein echter Patriot seines Landes.

Im Jahr 2010 feierte Aserbaidschan den 125. Geburtstag Üseyir Hadschibäyovs. Sein Erbe wird im modernen Aserbaidschan noch immer sehr hoch geschätzt, und sein Geburtstag wird als Musikfest jedes Jahr landesweit gefeiert. Er ist der Namensgeber der Nationalen Musikakademie und sowohl in Baku als auch in Schuscha befi nden sich Museen, die sein Leben und sein Werk einer breiten Öff entlichkeit präsentieren.

Da es ist nicht möglich ist, in einem Artikel umfassend das Schaff en Hadschibäyovs darzustellen, werden im Folgenden nur einige  Höhepunkte seines Lebenswerkes und deren Bedeutung am Beispiel dreier großer Werke auszugsweise dargestellt.

„Leyli und Medschnun“ (1908) 

Ende des Jahres 1907 ist Baku erfüllt von seinem Theaterleben. Man hört überall den Begriff ‚Oper‘, aber nicht jeder versteht seine Bedeutung. In Gesprächen hört man den Namen Üzeyir, der Tag und Nacht an seiner Oper „Leyli und Medschnun“ arbeitet.

Als erste Oper im ganzen Orient leitete dieses Werk den Weg der aserbaidschanischen Oper ein. Das Sujet des Poems „Leyli und Medschnun“ stammt von dem berühmten, orientalischen Dichter Mohammed Füzuli aus dem 16. Jahrundert. Um die romantischen Gefühle, die Lyrik und den Geist der Poesie zum Ausdruck zu bringen, suchte Hadschibyov die Verbindung zur klassischen Form der aserbaidschanischen Volksmusik, dem Mugham. Die Oper besteht aus wechselnden Szenen mit MughamGesang, Volksmusik und symphonischen Introduktionen. Anstelle von Arien, die in der klassischen Oper hauptsächlich zur Entschlüsselung der psychologischen Verfassung der Helden dienen, benutzt Üseryir Hadschibäyov die Form des Mughams.

Uzeir Hajibeyov, first poster of „Leyla and Mejnun“ opera, Baku, 1908

Die Uraufführung der Oper fand am 12. Januar 1908 im Tagiyev Theater statt. Alle Schauspieler traten weiterhin noch jahrelang mit dem Werk auf. Nur einer von ihnen, der Darsteller Leylis, wurde, da er eine Frauenrolle spielte und dies als Schande des ‚männlichen Stolzes‘ galt, umgebracht. Nicht ohne Opfer begann also der Moment des Umbruchs, der die Existenz des kulturellen Aufstiegs mit sich brachte.

„Arschin mal alan“ („Samt und Seide“) (1913)

Als die Musikkomödie „Samt und Seide“ im Jahr 1913 in Baku uraufgeführt wurde, hätte sich der Komponist Üseyir Hadschibäyov nie vorstellen können, dass seine Musik 100 Jahre später immer noch so aktuell sein würde. „Wenn ich meine Braut vor der Hochzeit nicht sehe, mich in sie nicht verliebe, dann will ich sie nie heiraten“ sagt Asker, der Protagonist der Musikkomödie „Samt und Seide“. Zwar klingen heute diese Worte selbstverständlich, doch war das nicht immer so. Zu Zeiten Hadschibäyovs war die freie, persönliche Entscheidung wen man heiratet, ein großes Problem, besonders im verschleierten Orient. Noch heikler war es, wenn es um Fürstenkinder ging. Durften sie aus Liebe heiraten? Das Thema ist nicht neu und darüber wurde über Jahrhunderte viel geschrieben. Der deutsche Schriftsteller Georg Büchner thematisierte dies schon in „Leonce und Lena“, einer romantisch, rührenden Geschichte über die Liebe und einer Liaison.

Scene from Arshin-mal-alan. Azerbaijan opera and balet theatre. Credit: Wikipedia

Als Üseyir Hadschibäyov im Jahr 1913 seine dritte Musikkomödie komponierte, schuf er damit zum wiederholten Mal eine Innovation im ganzen Orient. Er beeinflusste sowohl die aserbaidschanische Musikgeschichte als auch die anderer Länder im Orient.

Üseyir Hadschibäyov war gleichzeitig Autor des Librettos und Komponist. Seine Sprache ist funkelnd, witzig und leicht, progressiv, emanzipiert und revolutionär sind die Hintergründe seiner Idee. Diese Idee spricht von der Freiheit der Gedanken und vor allem von der Freiheit der orientalischen Frau. Hadschibäyov zeigt sich als einen großen Meister, der sich weltoffen präsentiert und der es schafft, gesellschaftliche Probleme mit leichtem Humor und einer zugänglichen Sprache darzustellen und zu vermitteln. Man fühlt sich erinnert an Shakespeares berühmte Komödien wie „Was ihr wollt“ oder „Viel Lärm um Nichts“, die auf klassisch-elegante und zugleich scharf-humorvolle Art und Weise die Gesellschaft beschreiben und durch geschickt entwickelte Verwechselungsspiele menschliche Beziehungen auf lustige und pikante Art veranschaulichen. „Korochlu“ (1937) Meisterwerk und Krone seines Schaff ens wurde die Oper

 „Korochlu“.

Koroğlu, Credit: Wikipedia

Die Uraufführung der Oper fand am 30. April 1937 statt, fast 30 Jahren nach der Premiere seiner ersten Oper „Leyli und Medschnun“. In diesen 30 Jahren widmete sich Üseyir Hadschibäyov der Erforschung der aserbaidschanischen Folklore sowie den Entwicklungswegen und der Traditionen der europäischen Oper, um diese letztlich fruchtbar zu verbinden. In seiner Oper „Korochlu“ erschafft Hadschibäyov eine Synthese aus europäischen Traditionen wie den traditionellen Opernformen und den europäischen Tonartsystemen, mit den traditionell-aserbaidschanischen epischen Kunstarten und dem Lad-Modussystem, der aserbaidschanischen Volksmusik. Die Oper „Korochlu“, mit ihrer vollkommenen Dramaturgie und unbeschreiblich schönen Musik, sorgt dafür, dass der Name des Komponisten Üseyir Hadschibäyov in Aserbaidschan, ähnlich wie der der Komponisten Michail Glinka in Russland oder Giuseppe Verdi in Italien, im Rampenlicht steht. Obwohl während der Sowjetunion zahlreiche Veröff entlichungen über Üseyir Hadschibäyov erschienen, werden sie seiner Person nicht umfassend und wahrhaft gerecht. Seit der wieder erworbenen Unabhängigkeit Aserbaidschans wurde vieles über Üseyir Hadschibäyov neu recherchiert und geschrieben und die gesamte Ausgabe seiner Werke mit der Unterstützung der Häydar Äliyev Stiftung neu herausgegeben.

Man sagt, es gibt keine unersetzbaren Menschen. Es wird immer jemanden geben, der die Taten, die schon reif sind, verwirklicht. Doch diejenigen, die den Grundstein legen und die Schöpfer von Neuem sind, diejenigen, die dem Alten eine neue Form geben und es in Schrift verewigen – diese Menschen sind für ein unersetzbare Rollen bestimmt. Und diese Bestimmung fand auch er, Üseyir Hadschibäyov.

Das Staatliche Bakuer Hadschibäyovs Konservatorium, Credit: Wikipedia

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