Interview

Interview mit Osteuropa und Kaukasusexperte Prof. Dr. Rüdiger Kipke

Interview mit Osteuropa und Kaukasusexperte Prof. Dr. Rüdiger Kipke

"Man muss leider zugeben, dass die Öffentlichkeit in den westeuropäischen Ländern (insbesondere Frankreich) und deren Medien einseitig proarmenisch ausgerichtet sind."

                                  

Portal: Herr Prof. Kipke, Sie gelten in Deutschland in erster Linie als bewanderter Experte für osteuropäische Länder, genauer gesagt für Tschechien, Slowakei und Ungarn, indem sie die politischen Systeme der besagten Staaten erforschen. Seit wann zählt die Südkaukasusregion zu ihren Forschungsschwerpunkten, und was hat sie dazu bewegt, sich mit diesem geopolitischem Raum auseinander zu setzen?

Prof. Kipke: Ich habe im Bereich Länderstudien bzw. Länderanalysen mit dem Schwerpunkt osteuropäische Länder, sowjetischer und post-sowjetischer Raum viel gearbeitet. Die Beschäftigung mit dem Konflikt um Berg-Karabach war naheliegend, weil er den Frieden in der ganzen Region gefährden kann. Hinzu kamen noch persönliche Kontakte zu Wissenschaftlern, die mich motiviert haben, sich mit der Problematik ausführlicher zu befassen.  

Portal: Welche Parallele und Gegensätze sehen Sie zwischen den südkaukasischen und osteuropäischen Ländern im Sinne ihrer außenpolitischen Richtlinien nach dem Untergang der Sowjetunion?

Prof. Kipke: Die osteuropäischen oder genauer gesagt mittel-osteuropäischen Staaten haben nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion von Anbeginn die Integration in die westlichen Strukturen angestrebt, d.h. die Mitgliedschaft in der NATO und der Europäischen Union. Diese Länder hatten gewissermaßen einen leichteren Weg, ihre Politiker konnten auf Unterstützung bei den politischen Eliten und der breiten Bevölkerung bauen. Zudem war ein Land wie Tschechien schon vor dem Zweiten Weltkrieg hoch industrialisiert. Für die nichtrussischen Nachfolgerstaaten der Sowjetunion, die sich ja zuerst aus den engen Fängen des einstigen Imperiums befreien mussten, war dieser Weg verschlossen. Die Südkaukasusstaaten machen dabei keine Ausnahme. Sie haben mit völlig anderen Transformationsproblemen zu kämpfen nach siebzig Jahren kommunistischer Herrschaft als die mittel-osteuropäischen Länder. Nicht nur die Wirtschaft, sondern auch das politische System und sogar die politische Kultur stehen seit Anfang der 1990er Jahre vor gewaltigen Veränderungen.

Portal: Im Rahmen der Kaukasusstudien widmen Sie besondere Aufmerksamkeit der armenisch-aserbaidschanischen Konfrontation in der Berg-Karabach Provinz. Wie stellen Sie sich aus völkerrechtlicher Perspektive eine denkbare Beilegung dieses Konfliktes vor?

Prof. Kipke: Es kann nur eine politische Lösung geben für den seit mehr als zwei Jahrzehnten schwelenden Konflikt. Das Völkerrecht hat da keine Chance, wo keinem der Akteure wirksame Sanktionen drohen. Die USA und Russland brechen immer wieder das Völkerrecht, ohne dabei tiefgreifende Konsequenzen befürchten zu müssen. Eine politische Befriedung der Lage in und um Berg-Karabach ist deshalb so schwer, weil sich die Konfliktparteien vor Ort unversöhnlich gegenüberstehen und die notwendige Kompromissbereitschaft vermissen lassen. Dazu kommen noch die Interessen der Groß- und Regionalmächte. Generell muss ich sagen, dass ein politischer Ausweg nur unter Mitwirkung der USA, Russlands und der Türkei möglich sein wird. Das anzustrebende Lösungsmodell wäre aus meiner Sicht ein qualifizierter Sonderstatus für die (mittlerweile ausschließlich) armenisch bewohnte Provinz innerhalb Aserbaidschans. Dabei müsste man die Rückkehr der aserbaidschanischen Flüchtlinge und Binnenvertriebenen sowohl nach Berg-Karabach als auch in die angrenzenden Gebiete ermöglichen, anderenfalls bleibt jeder Frieden brüchig.

Portal: In ihren Untersuchungen gehen Sie auch auf den geschichtlichen Background des Berg-Karabach-Konfliktes vom antiken Albanien bis hin zu den Ereignissen Ende der 1980er – Anfang der 1990er Jahre ein. Dabei legen Sie aus armenischer Sicht ziemlich unangenehme Fakten offen. Ihre persönliche Stellungnahme: Welche Tatsachen bzw. historische Geschehnisse haben sie in diesem Kontext am meisten „nachdenklich gemacht“?

Prof. Kipke: Ich möchte hier die heftigen Auseinandersetzungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit vielen Tausend Toten hervorheben. Es waren die blutigsten Ereignisse in der Geschichte des Südkaukasus, die man in Europa, das noch von den Folgen des Ersten Weltkriegs traumatisiert war, überhaupt nicht zur Kenntnis genommen hat. Für die Menschen dort waren die tragischen Geschehnisse von 1918 und zuvor in den Jahren 1905/06 ein schwerer Schicksalsschlag. Aus mehreren Quellen haben wir mittlerweile Kenntnis von Raub- und Mordexzessen, die armenische Freischärler während des Ersten Weltkrieges in Anatolien und nach dem Zusammenbruch der russischen Front Ende 1917 im südlichen Kaukasus  begangen haben. Dabei sind ganze Ortschaften in Schutt und Asche gelegt worden. Aber die Fragestellung drängt mich noch zu einer Anmerkung über die Bedeutung der Historiographie im Zusammenhang mit dem Konflikt um Berg-Karabach. Der ständige Verweis auf die Frühgeschichte mit dem erkennbaren Ziel, die eigene Autochthonie in dem Gebiet zu belegen, halte ich für wenig fruchtbar. Es gibt Autoren, gerade armenische Historiker, die bis ins 3. Jahrtausend vor Christus zurückgehen, um sozusagen ihre „Ureingesessenheit“ in der Region zu belegen. Selbst wenn es zutreffen sollte, es kann doch im 21. Jahrhundert keine Anspruchsgrundlage sein für territoriale Forderungen. Diese Art der Argumentation erschwert nur unnötig den Weg in einen Kompromiss.

 Portal: Die Reaktion der deutschen Öffentlichkeit auf die Gewalteskalation im Gebiet von Karabach im April 2016 legte nahe, dass es trotz mancher Aufklärungsversuche in den letzten Jahren immer noch Vorurteile über Aserbaidschan und seine Position in diesem Konflikt gibt. Dabei präsentierte sich vor allem die Medienlandschaft in Deutschland unter dem Einfluss der armenischen Propaganda und durch Verstärkung der Narrative zum sogenannten „Genozid an den Armeniern“ von seiner unschönen Seite. Mit der Verbreitung von Verschwörungstheorien (etwa Türkei stünde angeblich hinter der Zuspitzung der Lage) oder dem Verweis auf religiöse Hintergründe vermittelt man dem deutschen Publikum manche Falschinformation. Wie erklären Sie sich diesen Umstand? Wo sollten wir zwecks besserer Aufklärung der deutschen Öffentlichkeit ansetzen?

Prof. Kipke: Man muss leider zugeben, dass die Öffentlichkeit in den westeuropäischen Ländern (insbesondere Frankreich) und deren Medien einseitig proarmenisch ausgerichtet sind. Das gilt insbesondere für die Ereignisse von 1915, für das Schicksal der Armenier im damaligen Osmanischen Reich. Die Verbrechen an den Aserbaidschanern vor und während des 1. Weltkriegs, die Annexion aserbaidschanischer Territorien durch Armenien etc. rücken in den Hintergrund, das interessiert nicht. Niemand will das Los der Armenier „klein“ reden, aber man sollte sich vor einseitiger Stellungnahme hüten. Die mediale Ausrichtung wird aktuell noch dadurch befördert, dass vielfach alles, was mit dem Islam zu tun hat, als potenziell gefährlich eingestuft wird – eine Dynamik, die durch die Terroranschläge in westlichen Städten verursacht worden ist. Auch deshalb hat Aserbaidschan als muslimisches Land eher einen schwierigen Stand, will es seine Position in der Auseinandersetzung mit Armenien geltend machen. Hinzu kommt die strategische Partnerschaft Aserbaidschans mit der Türkei, die angesichts der westlichen Kritik an der Politik Erdogans ins Zwielicht gestellt wird. Wir haben es leider, und das ist keine neue Erkenntnis, mit einer Presselandschaft in unserem Lande zu tun, die oft genug propagandistisch agiert. Es ist vielen Menschen im Lande kein Geheimnis mehr, dass sie nicht immer objektiv und fair unterrichtet werden.

Portal: Wie schätzen Sie kurz zusammengefasst den aktuellen Stand der deutsch-aserbaidschanischen Beziehungen ein? Wo besteht aus ihrer Sicht noch der Nachholbedarf?

Prof. Kipke: Die Beziehungen zwischen beiden Ländern sind wenig entwickelt. Vor allem auf wirtschaftlichem Gebiet ist das Potenzial für eine Verbesserung der Lage vorhanden. In Aserbaidschan ist man besser über Deutschland informiert als umgekehrt. In Bezug auf die ganze südkaukasische Region, ihre Menschen, Geschichte und Kultur, gibt es in Deutschland deutliche Wahrnehmungsdefizite. Eine bessere kulturelle Präsenz Aserbaidschans wäre ein wichtiger Ansatzpunkt, um das Land stärker in das öffentliche Bewusstsein der Deutschen zu rücken. Auf diesem Gebiet besteht ein großer Nachholbedarf. Man könnte beispielsweise Städtepartnerschaften organisieren, kulturellen und sportlichen Austausch fördern. Ein weites Feld bietet die wissenschaftliche Zusammenarbeit. Der Austausch von Studentinnen und Studenten ist eine gute Investition in die Zukunft, Doktorandenstipendien können bereitgestellt und mehr Kooperation zwischen Hochschullehrern ermöglicht werden. Lehrangebote zur aserbaidschanischen Geschichte an deutschen Hochschulen wären ein sinnvoller Schritt. Das alles kostet Geld, das gut angelegt wäre im Interesse beider Länder.

  

Im Namen von „Alumniportal Aserbaidschan“ bedanken wir uns herzlich für ihre Aufmerksamkeit!

 

Mit freundlichen Grüßen

Samir Hasanov und Asif Masimov (verantwortliche Koordinatoren)

 

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