Interview mit Dr. Christian Johannes Henrich vom Forschungszentrum Südosteuropa und Kaukasus in Siegen

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Dr. Christian Johannes Henrich

Forschungszentrum Südosteuropa und Kaukasus in Siegen

„Die Entwicklungen der letzten 200 Jahre stellen eindeutig unter Beweis, dass Aserbaidschan Opfer der armenischen Aggression ist.“

Dr. Christian Johannes Henrich

Portal: Herr Henrich, warum stehen ausgerechnet Aserbaidschan, Slowakei und die Türkei im Mittelpunkt des Forschungszentrums für Südosteuropa und Kaukasus in Siegen?

Dr. Christian Johannes Henrich: Wir sind ursprünglich am Lehrstuhl für Internationale Politik von Prof. Dr. Jürgen Bellers gegründet worden. Nachdem er in Pension gegangen ist, hat sich das Zentrum von der Universität Siegen gelöst und in eine gemeinnützige Unternehmergesellschaft verwandelt. Wir sind also auf Spenden angewiesen. Der Grund, weshalb wir uns schwerpunktmäßig auf Aserbaidschan, Slowakei und die Türkei konzentrieren, ergibt sich einfach aus der Tatsache, dass wir momentan die Mitarbeiter aus den genannten Ländern bei uns in der Einrichtung haben. Wenn wir Leute haben, die sich mit bspw. Bulgarien, Serbien oder Georgien beschäftigen wollen, können wir die jede Zeit integrieren.

Portal: Wie erklären Sie grundsätzlich das stark ausgeprägte Anti-Türkei Bild in der deutschen Politik und Gesellschaft?

Dr. Christian Johannes Henrich: Ich glaube, wie häufig in der internationalen Politik, es gibt verschiedene Facetten und vor allem wechselnde Interessen der einzelnen Akteure. Die Gezi-Park-Proteste 2013 waren ein Wendepunkt in den deutsch-türkischen Beziehungen. Aber wir erinnern uns noch an das Jahr 2007, als die Türkei zum ersten Mal einen Präsidenten, nämlich Abdullah Gül mit kopftuchtragender Frau hatte. Dagegen protestierte das türkische Militär, wobei sich der Westen, einschließlich Deutschland schützend vor die AKP-Regierung gestellt hat, mit dem Verweis auf das demokratische Entscheidungsrecht des türkischen Volkes. Danach gab es bekanntlich das Parteiverbotsverfahren gegen die AKP. Auch da schlug sich Westen klar an die Seite der Erdogan-Regierung, mit der Begründung, man könne eine demokratische Partei nicht verbieten und somit die legitime Regierung stürzen. Erst durch das unverhältnismäßig harte Vorgehen der türkischen Polizei gegen die Gezi-Park-Proteste war aus westlicher Sicht die rote Linie überschritten worden. Die Rhetorik wurde auf beiden Seiten seitdem deutlich schärfer. Folglich haben sich die Interessen gewandelt. Ob es rein menschenrechtliche Gründe hat, bezweifle ich sehr, denn die Menschenrechte sind für den Westen oftmals nicht das wahre Motiv. Vielmehr überwiegen die Wirtschafts- oder Machtinteressen, sowie strategische Überlegungen. Ich glaube, man hat gemerkt, Erdogan lässt sich nicht so leicht steuern, wie man es gerne gewünscht hätte. Man zeigt sich in ihren Erwartungen, die Türkei als demokratisch islamisches Land und als Vorbild für die ganze muslimische Welt zu sehen, enttäuscht. Erdogan erwies sich seinerseits nicht mehr als der „kranke“, sondern als der „starke“ Mann am Bosporus. Das Ganze wirkt sich natürlich negativ auf die öffentliche Meinung aus. Den maßgeblichen Anteil daran haben zweifelsohne die Medien, wobei das Hetzniveau auf beiden Seiten gleich groß ist, wenn man die Berichterstattung von „Sabah“ über Deutschland oder die von „Bild“ über die Türkei vergleicht. Ich finde ziemlich traurig, dass dadurch die jahrhundertelange Freundschaft zwischen unseren Völkern beschädigt wird.

Portal: Was glauben Sie, warum beherrscht Aserbaidschan in deutschen Medien hauptsächlich die negativen Schlagzeilen? Woher kommt die besondere Vorliebe für Armenien im Berg-Karabach Konflikt?

Dr. Christian Johannes Henrich: Aserbaidschan ist ja ein Land, das der Türkei ethnisch, kulturell, sprachlich und gewissermaßen historisch am nächsten steht. Nicht umsonst heißt es doch „Bir millet, iki devlet“ („Eine Nation, zwei Staaten“). Ich glaube, das ist der entscheidende Aspekt, den die deutschen Medienvertreter gerne aufgreifen. Im Wesentlichen wird dieser Umstand auf das Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich 1915 zurückgeführt. Aus der Zeit um die „Armenien-Frage“ in Anatolien herum gab es in Deutschland schon damals eine zweischneidige Diskussion. Innerhalb der liberal-protestantischen Bewegung gab es zwei Vertreter, sprich Friedrich Naumann und Johannes Lepsius, die unterschiedlicher Auffassung waren. Während Lepsius die Ereignisse von 1915 als „Völkermord“ anerkennen lassen und einschlägige Propaganda machen wollte, hatte sich Naumann davon distanziert und die terroristischen Aktivitäten armenischer Freischärler vor Augen geführt. Doch aus der Lepsius-Linie heraus haben die meisten in Deutschland das Gefühl vertreten bekommen, dass „unsere christlichen Brüder“ tatsächlich Leidtragende sind und wenn die einfach sagen, „Wir sind Opfer“, dann ist es so. Es handelt sich m.E. um ein menschliches Problem, dass viele eher jemandem glauben, der aus der gleichen Religion und Ideologie kommt. Daher neigen Deutsche in der Wissenschaft wie auch in der öffentlichen Wahrnehmung dazu, Armenier in der Opferrolle und nicht in der Täterrolle zu sehen. Den Berg-Karabach Konflikt sollte man natürlich von der Armenier-Frage losgelöst betrachten. Wir haben mit einer ausgesprochen ethno-territorialen Auseinandersetzung zu tun, wobei die Bezeichnungen „Christen“ oder „Muslime“ komplett fehl am Platze sind. Armenier sind ja erst nach den russisch-persischen und russisch-türkischen Kriegen Anfang des 19. Jahrhunderts in die Berg-Karabach Region und andere Provinzen des heutigen Armeniens und Aserbaidschans umgesiedelt worden. In Berg-Karabach, das historisch betrachtet stets aserbaidschanisch war, wurde durch gezielte Übersiedlungspolitik die Bevölkerungsmehrheit künstlich zu Gunsten der Armenier verändert. Die Entwicklungen der letzten 200 Jahre stellen eindeutig unter Beweis, dass Aserbaidschan Opfer der armenischen Aggression ist. Nicht nur Berg-Karabach, sondern auch die umliegenden sieben Provinzen, insgesamt also 20 Prozent der international anerkannten Territorien Aserbaidschans wurden von armenischen Truppen völkerrechtswidrig annektiert. Ich frage mich, wie man ein Land als Aggressor darstellen kann, dessen territoriale Integrität vor 25 Jahren verletzt wurde und die Bevölkerung durch Flucht und Vertreibung, sowie durch ein genozidäres Massaker 1992 in Chodschali stark gelitten hat. Dabei war Chodschali, trotz eines kleinen Flugfeldes, von keiner größeren strategischen Bedeutung. Es ging den armenischen Besatzern in Chodschali also nicht um eine kriegsrelevante Eroberung, auch nicht allein ums Töten, sondern um eine bestialische Erniedrigung und vollständige Auslöschung der aserbaidschanischen Ethnie in Berg-Karabach. Wenn die OSZE, UNO und andere internationale Institutionen Armenien zwecks Beendigung des Besatzungsregimes nicht unter Druck setzten, entsteht die Frage, wie lange muss Aserbaidschan das ganze hinnehmen?

Portal: In der Auseinandersetzung zwischen Georgien und Russland um Abchasien und Südossetien spricht sich Deutschland unmissverständlich für die Einhaltung der territorialen Integrität Georgiens aus, während im Karabachfall vom „umstrittenen Territorium“ ausgegangen wird. Warum misst die deutsche Politik mit doppelten Standards?

Dr. Christian Johannes Henrich: Das macht sie grundsätzlich immer, egal auf was bezogen. Hier haben wir ein zweischichtiges Problem, d.h. einmal auf der Täter- und auf der Opferseite. In den Ukraine- und Georgienkonflikten ist die Rede von zwei christlichen Ländern, wogegen in Karabach Aserbaidschan als muslimisches Land wahrgenommen wird. In der Ukraine und Georgien ist Russland der Übeltäter, was ja dem ohnehin seit Jahrzehnten gepflegten politischen Feindbild des Westens entspricht. In der Karabach-Frage ist allerdings nicht das „böse“ Russland, sondern das „arme, christliche Brudervolk“ Armenien auf der Täterseite. Da jedoch die Armenier in den Ereignissen von 1915 als „Opfer“ bezeichnet werden, sind wir blau- bzw. einäugig unterwegs. Der Deutsche Bundestag verabschiedete 2016 eine Resolution, mit der die Ereignisse im Osmanischen Reich einseitig als „Völkermord an den Armeniern“ klassifiziert und dadurch das gesamte türkische Volk beschuldigt wurde. Dabei findet es keine Beachtung, dass der armenische Staat sich grundsätzlich weigert, die relevanten Archive zu öffnen. Also eine Verurteilung ohne Beweisaufnahme. In keiner von mir bisher untersuchten Archivquellen bin ich auf etwas gestoßen, dass die Bezeichnung „Genozid“ rechtfertigen könnte. Man kann sehr wohl ein beidseitiges Töten in Ostanatolien am Rande des Ersten Weltkrieges feststellen. Russen und Armenier gegen Türken, Kurden, Araber und Aserbaidschaner. Armenier haben vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg nachweislich viele Tausend Aserbaidschaner ermordet, um eine homogene Gruppe zu erzielen, was aber im Westen keine Beachtung findet. Diese Einseitigkeit prägt genauso die Haltung der deutschen Regierung im Karabach-Konflikt, der anscheinend schwerfällt, eine gerechte Position einzunehmen, gleichwohl die Tatsachen über armenische Verbrechen und Besetzung des aserbaidschanischen Staatsgebietes eine eindeutige Sprache sprechen. 

Portal: Was sind ihnen zufolge die Haupthindernisse für die völkerrechtliche Beilegung des armenisch-aserbaidschanischen Konfrontation um Berg-Karabach?

Dr. Christian Johannes Henrich: Eine Lösung kollidiert natürlich in erster Linie mit politischen Interessen Russlands. Eine erste und absolute Notwendigkeit für mich ist die unbedingte Rückgabe von sieben umliegenden Bezirken, aus der die Mehrheit der aserbaidschanischen Flüchtlinge stammt. Das mehrheitlich armenisch besiedelte Berg-Karabach sollte in einem zweiten Schritt einen breiteren Autonomiestatus innerhalb der Republik Aserbaidschan erlangen. Das verhindert aber Russland mit allen möglichen Mitteln. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Armenien und Aserbaidschan sich gerne eine baldige Lösung wünschen, müssen dennoch dem ständigen russischen Einfluss entgegensehen. Moskau ist bekanntlich Vetomacht im UNO-Sicherheitsrat und blockiert dort jegliche Entscheidungen, die seinen Hegemonieanspruch im Kaukasus in Frage stellen könnten. Es ist also äußerst schwierig, solange der Kreml die Finger im Spiel hat.

Portal: Wie schätzen sie die schwierigen Beziehungen zwischen Aserbaidschan und der Bundesrepublik auf politischer Ebene ein?

Dr. Christian Johannes Henrich: Das Stichwort aus deutscher Perspektive lautet Demokratiedefizit, u.a. die Einschränkung der Menschenrechte, Pressefreiheit etc. in Aserbaidschan sind stetiger Kritikpunkt auch im medialen Diskurs. Allerdings sind wir Deutsche nicht so moralisch, wie das jetzt klingen könnte. Denn im gleichen Moment, wie die Missstände in Aserbaidschan ausgesprochen werden, vereinbart man in Berlin milliardenschwere Verträge mit China, dem Land mit den meisten Hinrichtungen, wo Oppositionelle und Andersdenkende regelmäßig verfolgt, eingesperrt und gefoltert werden. Dagegen regt sich hier kaum Widerstand, weil man wirtschaftliche Interessen zu seinem wichtigsten Partner in Asien nicht gefährden möchte. Aus Aserbaidschan bezieht Europa Öl und Gas. Mit anderen Worten hat man auch hier ökonomische Präferenzen. Trotz Abkühlung der letzten Zeit glaube ich, dass die Kritik an Ilham Aliyev und dem politischen System nicht so stark sein wird, wie wir diese zurzeit im Falle der Erdogan-Regierung erleben. Von diesem Blickwinkel heraus betrachtet, hat die Sache also nicht mit moralischen Werten zu tun. Das Motto lautet: „Wenn ein Land uns nützlich ist, darf es alles“. Der Westen hat mit allen Diktatoren Nordafrikas – Mubarak, Ben Ali und Gaddafi lukrative Geschäfte gemacht. Als in Ägypten die demokratisch gewählte Muslimbruderschaft um den abgesetzten Präsidenten Mursi an die Macht kam, machten sich alle Gedanken wegen der Islamisierung der ägyptischen Gesellschaft. Jetzt sitzt Al-Sisi, der mit noch brutaleren Methoden gegen seine Widersacher vorgeht, am Schalthebel der Macht, und in den Augen westlicher Staaten scheint das Land wieder zur Normalität zurückzufinden. Das Schlimmste daran ist, dass man im Westen, einschließlich in Deutschland glaubt, das „Gute“ vom „Bösen“ unterscheiden zu können. Alles wird am Grad des Rohstoffreichtums eines Landes und an seiner religiös-kulturellen Nähe bzw. Neigung zum Westen bemessen.         

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