Überprüfung von fehlerhaften Artikeln bei Wikipedia: zu viel Freiheit oder schlichte Inkompetenz der Administratoren?

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Asif Masimov Khojaly

Asif Masimov

Die Beschaffung von Informationen spielt für uns Menschen seit jeher eine wichtige Rolle. Je nachdem, in welchem Bereich oder für welche Tätigkeit nach Informationen gesucht wird, greift man auf unterschiedliche Hilfsmittel zu. Im Verlauf der Geschichte wurden Informationen so auf unterschiedliche Art und Weise gesucht und übermittelt:  durch Abbildung von Zeichen auf Mauern, durch Brief-Korrespondenz, mündliche Kommunikation der Menschen usw. Durch die Erfindung des Buchdrucks seitens Johannes Gutenberg wurde die Art der Übermittlung von Informationen revolutioniert, indem man weniger nur mündlich verbreitete  und nun viel mehr aufschrieb. So konnte nun Wissen schriftlich verbreitet werden. Das Ende des 20. Jahrhunderts legte zudem einen neuen Meilenstein in Bezug auf den Austausch der Informationen, da nun die Möglichkeit entstand, dieses Wissen auch digital zu verbreiten. Am Anfang des 21. Jahrhunderts gewannen die Suchmaschinen an Bedeutung. Gleichzeitig wurden auch digitale Bibliotheken gegründet. Wenn man heute von digitaler Informationsrecherche im Sinne der Nutzung einer Enzyklopädie spricht, denkt man direkt an die Plattform Wikipedia, weil zumindest bei der Suche eines Begriffes bei Google fast immer auch ein Suchergebnis von der freien Enzyklopädie Wikipedia auf dem ersten Platz erscheint. Die Besonderheit von Wikipedia besteht darin, dass man freiwillig einen Beitrag zur Verbreitung der Informationen im Internet leistet. Es ist quasi so, dass ein Beitrag auf Wikipedia von mehreren Autoren verfasst, geändert und dann überarbeitet erneut veröffentlicht werden kann, wobei man immer auch Zugriff auf alle vorherigen Versionen der Artikel hat.

Da die Beiträge von vielen Verfassern also eher gemeinschaftlich angefertigt werden, gibt es keine konkreten Autorennamen zu einzelnen Wiki-Artikeln. Darüber hinaus ist Wikipedia für alle Leser zugänglich und kostenlos. Es gibt jedoch die Möglichkeit, diesem Projekt direkt über die Webplattform Gelder zu spenden. Google gilt überdies als größter Spender dieses Projekts. Aus diesem Grund wird eben auch vermutet, dass die Suchergebnisse der Wiki-Artikel in der Google-Suchmaschine meist den ersten Platz belegen.

Der Einfluss von Wikipedia ist in letzter Zeit noch bemerkenswerter geworden. In wissenschaftlichen Kreisen wird jedoch viel darüber diskutiert, inwiefern man die Artikel dieses Projektes als verlässliche Quelle benutzen darf. An dieser Stelle soll erwähnt werden, dass die Meinung in diesem Zusammenhang eher gespalten ist, obwohl es eine überwiegende akademische Mehrheit gibt, die sich gegenüber Wiki-Artikeln skeptisch positioniert. Der Informations- und Wahrheitsgehalt von Wiki-Beiträgen wird oftmals sogar angezweifelt. Dafür gibt es viele gute Gründe, denn einige Themenbereiche werden auf dieser Plattform durch Interessengruppen gesteuert. Aus diesem Grund sollte stets kritisch hinterfragt werden, inwiefern die Beiträge auf Wikipedia eine hohe Qualität mitbringen bzw. wie manipulierte bzw. fehlerhafte Beiträge geprüft und den Lesern angeboten werden. Zusätzlich soll im vorliegenden Essay die eher neutrale Positionierung der Administratoren hinterfragt werden, da diese im Wesentlichen für die Veröffentlichung eines Artikels zuständig sind.

Manipulation von Seiten der Benutzer und Administratoren: Absicht oder Inkompetenz?

Oberflächlich gesehen wirkt es so, als ob die Artikel bei Wikipedia ausreichend von bestimmten Benutzern geschützt und regelmäßig durch entsprechende Werkzeuge geprüft werden. Ob dies wirklich der Fall ist, werden wir in diesem Teil des Essays überprüfen.
Auf Abbildung 1 lässt sich gut erkennen, wie die Diskussionen bei einigen exemplarischen Themen verlaufen. Um die Historie zu verfolgen, sollte man auf der Seite eines Artikels oben auf „Versionsgeschichte“ klicken. So kann der gesamte Ablauf der Diskussion eingesehen werden. Als Beispiel wird der andauernde Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um Bergkarabach näher betrachtet.

Abbildung 1 verdeutlicht, wie hinter den Kulissen die Änderung bzw. Überarbeitung eines Artikels verläuft. Bei kontroversen Thematiken wird diskutiert, rückgängig gemacht und manchmal auf die Fehler hingewiesen. Darüber hinaus lässt sich durch die Versionsgeschichte gut nachvollziehen, welche Benutzer und Administratoren Änderungen vornehmen. Des Weiteren lassen sich links die Optionen „Aktuell“ oder „Vorherige“ anklicken, sodass genau ermittelt werden kann, was ein Autor geändert und aus welchem Grund ein Admin dies nicht akzeptiert hat.

Der oben aufgeführte Link zeigt uns deutlich, dass in der vorherigen Version als Location „Nagorno-Karabakh“ (in englischer Sprache) ausgewiesen wurde und in der aktuellen Variante stattdessen „Artsakh“ und „heute Republik Arzach“ seitens eines Benutzers (Sichter) namens „Williwilli“ angenommen wurde (stand 2018). Es wurde dennoch nach einem Jahr durch die Disskusion wieder geändert und nun steht dort “Nagorno-Karabach” An dieser Stelle soll darauf verwiesen werden, dass Begriffe wie „Bergkarabach“ (aus dem russischen Nagorno-Karabakh) und „Arzach“ bereits unterschiedliche Konnotationen bei diesem Konflikt für beide Parteien haben.[1] Schon durch Historiker, Politiker und Organisationen hat es sich als eine Norm etabliert, dieses Gebiet in englischer Sprache als „Nagorno-Karabakh“ zu bezeichnen. Der Begriff „Arzach“ wird allerdings eher von Seiten armenischer und pro-armenischer Kräfte als Alternative für „Nagorno-Karbakh“ benutzt. Darüber hinaus existiert heute keine Republik namens „Arzach“, denn (wie es im Artikel erwähnt wird) dieses separatistische Regime wird von keinem Mitgliedstaat der Vereinten Nationen anerkannt. Wissenschaftlich wäre es korrekter entweder den Begriff in Anführungszeichen zu setzen oder überhaupt nicht zu verwenden. Die Zurücksetzung des Begriffs „Nagorno-Karabakh“ und Annahme des armenischen Begriffs „Arzach“ erlaubt uns zu vermuten, dass sich entweder der Wiki-Benutzer mit der Thematik nicht auskennt oder parteilich ist. Ein Blick auf die Diskussionsseite des Wiki-Artikels „Bergkarabach Konflikt“ erhärtetdiesen Verdacht. Dort fällt gleich auf, dass die Benutzer „PhJ“ und „AMGA“ aus ihren proarmenischen Positionen kein Hehl machen. Diese sind zugleich als Sichter geführt, wobei alle Sichter den Administratoren untergestellt sind. Also, Administratoren haben die Möglichkeit, Benutzer zu aktiven Sichter zu machen, oder ihnen diesen Status zu entziehen, Benutzer zu sperren und solche Sperren wieder aufzuheben. Des Weiteren sind sie berechtigt, jeden Beitrag, der nicht „in ihr Weltbild passt“, zu löschen und den Autor dieses Beitrags, der über einen niedrigen Wiki-Status verfügt, bei wiederholter „Zuwiderhandlung“ sperren zu lassen, auch wenn der „betroffene“ User stichhaltige Belege aus bereits verifizierten Quellen vorlegt, um seinen Standpunkt zu untermauern. Eine genauere Betrachtung der Diskussionsinhalte verdeutlicht zudem, dass diese Sichter, wie etwa AMGA mit der eigentlichen Thematik keineswegs vertraut sind.
Führt man die Recherche in dieser Materie weiter, so stößt man sogar auf einen Artikel namens „Republik Arzach“. Der Name des Artikels ist an sich schon provokativ; so möchte man nun genau wissen, worum es da geht.

Von Anfang an fällt auf, dass der Artikel wohl von unterschiedlichen Autoren verfasst und geändert wurde, sodass der Beitrag nicht einheitlich ist. So wird sowohl der Ausdruck „Arzach“ als auch „Bergkarabach“ verwendet. In diesem Artikel sollte es eigentlich um die „unabhängige Republik Arzach“ gehen. Scrollen wir auf der Seite nun etwas nach unten zum Abschnitt „Lage“, so finden wir diese Information:

Stellen wir uns nun einmal vor, dass dieser Artikel von einem Internetnutzer, der sich mit der Thematik nicht auskennt, gelesen wird. Zunächst wird uns im Beitrag eine unabhängige Republik beschrieben. Dann wird hinzugefügt, dass sich sieben aserbaidschanische Bezirke wie z. B. das Bergkarabach-Gebiet unter armenischer Kontrolle befinden. Ein Stück weiter trifft man sogar auf den Ausdruck „okkupierte Bezirke“. Um den Sachverhalt noch deutlicher zu machen, sollte man an dieser Stelle ansprechen, dass die Vereinten Nationen (VN) in Bezug auf diesen Konflikt in den 90er Jahren Stellung bezogen haben und die sofortige Herstellung des Friedens in der Region forderten. Das kann sogar durch vier Resolutionen der VN belegt werden: 822, 853, 874 und 884. Mit diesen Resolutionen erkennen die VN die territoriale Integrität von Aserbaidschan an und geben so den armenischen militärischen Aktionen den Status von Aggressionshandlungen.[1]

Der Kern der Resolution 822, die von den VN 1993 verabschiedet worden ist, meint, dass die streitenden Parteien sofort den Krieg beenden müssen. Zusätzlich sollte der von Armenien besetzte Bezirk Kelbedschar, sowie andere Gebiete Aserbaidschans ohne weitere Bedingungen befreit werden. Die in jenem Jahr verabschiedete Resolution 853 wiederholt die oben erwähnten Vereinbarungen und verstärkt noch die Forderung nach einer Zusammenarbeit mit der Minsker Gruppe von der OSZE, um den Frieden und die Sicherheit in der Region wiederherzustellen. Die folgenden Resolutionen 874 und 884 wurden ebenfalls im selben Jahr verabschiedet und unterstützten im Allgemeinen die bereits ausgearbeiteten Punkte. Drei dieser Resolutionen wurden direkt nach der Besetzung aserbaidschanischer Bezirke durch armenische Truppen verabschiedet.[2]

Durch die Analyse unseres Beispiels wird überaus deutlich, dass solche Beiträge zum Ziel haben, die Leser nur noch in die Irre zu führen.

Zusammenfassung

Wikipedia dient heutzutage für viele Internetnutzer und v.a. auch für junge Studierende als erste Quelle, um über das ein oder anderes Thema oberflächliche Informationen schnell und einfach zu gewinnen. Wie unsere Beispiele jedoch gezeigt haben, kommt es eben bei kontroversen Thematiken oft zu groben Fehlern durch beschränkte Recherche auf dem eigentlichen Sachgebiet; vehemente Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Interessengruppen, Inkompetenz oder Parteilichkeit der Administratoren und die sehr eingeschränkte Form der benutzten Quellen schaden so der Qualität der einzelnen Beiträge und Artikel.

Die einzelnen Beiträge bei Wikipedia lassen sich durch Interessengruppen leicht manipulieren. Es könnte eine kleine „wissenschaftliche Gruppe“ gebildet werden, die digitale Informationen aus einem eigenen Blickwinkel schreiben könnte.

Theoretisch lässt sich Wikipedia in unterschiedlichem Maße manipulieren. Beispiele hierfür sind:

  1. Ein pro-aserbaidschanischer oder pro-armenischer Benutzer setzt sich dafür ein, Beiträge zugunsten einer Seite zu schreiben. Er erstellt ein Konto, verfasst sehr oft in verschiedenen Themenbereichen Artikel, nimmt die Änderungen vor, positioniert sich neutral und nach einer Weile könnte er in diesem Projekt sogar Karriere machen. Von ihm verfasste Artikel verweisen immer auf irgendwelche glaubwürdigen Quellen, obwohl man diese bei wissenschaftlichen Arbeiten eher kritisch hinterfragen sollte. Es kann sogar sein, dass solche Benutzer sogar als Sichter, bzw. Administratoren ausgewählt werden, weil man die politische Ausrichtung überhaupt nicht kennt oder die IP-Adressen, über welche die aktive Beteiligung auf Wikipedia stattfindet, sich irgendwo auf der Welt befinden könnten.
  2. Es könnte eine organisierte Lobby-Gruppe existieren, die gegen Entgelt einen Artikel für eine Thematik bei Wikipedia verfasst. Der Fall der Lobby Agentur von Bell Potinger[3] bestätigt, dass es tatsächlich solche Unternehmen gibt, die so vorgehen.
  3. Wie in unserem Beitrag erwähnt wurde, treffen sich bspw. beim Stammtisch einige Wiki-Benuter, oder Wikipedianer, sodass man eigentlich einen Kontakt zu wichtigen Benutzern aufbauen kann. Durch solche privaten Bekanntschaften kann man mit den Entscheidungsträgern der Wiki-Artikel über weitere Details in Ruhe diskutieren.
  4. Um einen Artikel bei Wikipedia erfolgreich zu verfassen, braucht man zumindest eine Quelle in der Form eines Buches. Aus diesem Grund müsste man eine langfristige Strategie entwickeln. Diese könnte so aussehen: Zu einer aktuellen Thematik lockt man Interessierte aus den akademischen Kreisen. Zur Aufarbeitung eines Problems diskutiert man mit ihnen die Möglichkeit, ein Forschungsfeld zu untersuchen. Nach der Veröffentlichung dieser Ergebnisse beginnt die zweite Phase. Anhand dieser Bücher oder wissenschaftlichen Artikel verfasst man einen Artikel für Wikipedia. Ein etablierter Benutzer postet den Artikel oder nimmt die Änderungen vor und diskutiert, warum er diesen Artikel so geschrieben hat. Nach einer Weile wird dies akzeptiert. Später kommt ein anderer Benutzer, findet diese Quelle schwach und schlägt seinen Vorschlag vor. Gerade hier sollte eigentlich ein Administrator die Verantwortung übernehmen und die richtige Entscheidung treffen. Dafür benötigen die Administratoren für eine Thematik nur mehr Zeit, um diese in eine genaue Untersuchung der einzelnen Kommentare zu investieren. Wir wissen aber nicht (bzw. nie), ob diese Administratoren überhaupt über einen akademischen Grad verfügen.

So ergibt sich, dass die Wahrscheinlichkeit für grobe Fehler bzw. Manipulationen insbesondere bei den geisteswissenschaftlichen Thematiken größer wird, je weiter das Wikipedia-Projekt von Freiwilligen und anonymen Benutzern gestaltet bzw. gesteuert wird.

[1]„Over 20 per cent of the territory of Azerbaijan has been occupied as a result of aggression by armed forces from Armenia.“(Core Document Forming Part of the Reports of State Parties: Azerbaijan, HRI/CORE/1/Add.41/Rev.2 08/05/1996, International Human Rights Instrument, 1996).

[2] 1993 UN Security Council Resolutions on Nagorno-Karabakh, in: U.S. Department of State; unter:   http://2001-2009.state.gov/p/eur/rls/or/13508.htm (letzterZugriff am 20.03.2018).

[3]Pegg, David / Newman Melanie / Wright, Oliver: “The arms company, the oligarch and the ex-PM’s sister-in-law: lobby firm’s Wikipedia hit list”, in: The Independent (09.12.2011), unter: http://www.independent.co.uk/news/uk/politics/the-arms-company-the-oligarch-and-the-ex-pms-sister-in-law-lobby-firms-wikipedia-hit-list-6274541.html (letzterZugriff am 20.03.2018).

Quelle:

Im Internet:

Patel, Kiran Klaus: Zeitgeschichte im digitalen Zeitalter. Neue und alte Herausforderungen, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, hrsg. v. Altrichter Helmut / Möller, Horst / Szöllösi-Janze, Margit/ Wirsching, Andreas, im Internet unter: https://moodle.hu-berlin.de/mod/url/view.php?id=1472222, (letzter Zugriff am 15.03.2018)  S. 331-351. 

Pegg, David / Newman Melanie / Wright, Oliver: “The arms company, the oligarch and the ex-PM’s sister-in-law: lobby firm’s Wikipedia hit list”, in: The Independent (09.12.2011), unter: http://www.independent.co.uk/news/uk/politics/the-arms-company-the-oligarch-and-the-ex-pms-sister-in-law-lobby-firms-wikipedia-hit-list-6274541.html (letzterZugriff am 20.03.2018).

www.wikipedia.org

Abbildungsverzeichnis:

Abb. 1: Versionsgeschichte eines Artikels bei Wikipedia
Abb. 2: Aktuelle und vorherige Version eines Artikels
Abb. 3: Artikel „Republik Arzach“

Abb. 4: Uneinheitlichkeit eines Artikels

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