Ein Phänomen der Musik: Die aserbaidschanische Jazz-Legende Vaqif Mustafazadä

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Dieser Beitrag erschien zuerst auf Irs-az.com

No 1, 2012

Natavan Faiq

DAS LEBEN VON GENIES IST IN DER REGEL KURZ UND TRAGISCH. VIELLEICHT IST DAS DER GRUND, WESHALB SIE IN IHRER KREATIVEN ARBEIT SO VERSCHWENDERISCH SIND UND WESHALB SIE ES SCHEINBAR SO EILIG HABEN, DIE REICHTÜMER IHRES GEISTES DER NACHWELT ZU ÜBERGEBEN – SCHÄTZE, DIE ZU LEBZEITEN NICHT IMMER GEACHTET WERDEN. VAQIF MUSTAFAZADÄ WAR HIER KEINE AUSNAHME.

Natavan Faiq

Erinnerungen an ihn sind unweigerlich mit zwei Gefühlen verbunden – Stolz und Bitterkeit. Stolz auf den Komponisten, experimentellen Pianisten und Musiker mit einem Namen, den Kritiker mit einer neuen Richtung im Jazz verknüpfen, welche auf traditioneller aserbaidschanischer Musik basiert. Die Bitterkeit hingegen braucht keine Erklärung.

Die Nachricht von seinem Tode schlug ein wie ein Donnerschlag. Vaqif mit seinem einzigartigen, etwas schuldbewusst wirkenden Lächeln und seiner obligatorischen Lederjacke, der als Leiter des damals hochpopulären Vokalensembles „Sevil“ die Fernsehabende der Bakuer bereicherte – dieser Vaqif sollte tot sein?!

Ich erinnere mich noch an den Artikel in einer der wichtigen Zeitungen, in dem ich den Donner bereits heranrollen hörte, welcher später das Land erfasste: „Vor und nach dem Nachruf“, war er überschrieben. Der Beitrag begann mit der Veröff entlichung einer Erklärung Vaqif Mustafazadäs, in der er den Komponistenverband der Republik auff orderte, ihn als Mitglied zu akzeptieren. Es folgte eine Replik, die im Wesentlichen eine längst gefasste Entscheidung wiedergab: „Die Leitung des Kom ponisten verban des Aserbaidschans verzichtet darauf, Vaqif Mustafazadä als Mitglied in den Verband aufzunehmen, da er über keine abgeschlossene Hochschulausbildung verfügt.“

Ich kann mich sehr gut an sein Lächeln erinnern. Ich weiß noch, wie er seine Tochter zur Schule brachte – das war irgendwann Mitte der siebziger Jahre. Man muss gesehen haben, wie er von ihr Abschied nahm – für einen ganzen, langen Tag. Wie er sich bückte, sorgfältig ihre Schuhe zuschnürte und die Spange in ihrem Haar zurechtrückte. Wie er sie schließlich auf die Wange küsste und sich im Weggehen immer wieder nach ihr umdrehte. Beim Erreichen des Schultors rief er ihr plötzlich zu: „Und, habe ich etwas vergessen?“ Dabei zwinkerte er mit den Augen – der Schelm. Die Tochter schüttelte den Kopf, doch dann lief er hin zu ihr, um sie noch einmal zu küssen.

Es ist unmöglich zu sagen, ob er bei der Aufnahme in den Komponistenverband stillschweigend übergangen worden war, denn über ihn wurde häufi g geschrieben, allerdings meist über seine Rolle als Pianist und Förderer des Jazz.

Hier die Rezension eines SoloKonzerts aus jenen Jahren: „Danke für die brillante Technik und den höchst kunstvollen Klang! – Mustafazadä zog das Publikum wie ein Zauberer in Zeit und Raum des Jazz. Sein Repertoire reicht von der romantischen, zart verhüllten Lyrik aus der Welt eines George Gershwin bis zu den hörbaren, urbanen Formen der Eigenkomposition „Bu gün“ (Heute), von Werken Thelonious Monks weiter zur unglaublichen Tiefe der Harmonien von „Die Sieben Schönen“ von Qara Qarayev. In diesen musikalischen Wanderungen vertraut Mustafazadä völlig sich selbst: Nicht einmal für Bruchteile von Sekunden verliert er die subtile Meisterschaft der Improvisation. Sorgfältig verknüpft er die Originalität und Frische seines musikalischen Stils mit dem Material der klassischen Jazz-Stücke.“

Seine extravagante Performance verursachte regelmäßig einen Sturm der Begeisterung. Der Raum erstarrte und lauschte in andächtiger Konzentration, wenn er seine stets unnachahmlichen Interpretationen zu Gehör brachte. Dabei schienen die Tiefen des Pianos etwas Einzigartiges zu enthüllen, etwas bisher nie Dagewesenes, aus der Stärke des Geistes und der Kraft der Persönlichkeit emporsteigend. Er war wie niemand sonst in der Lage, seine wilde Virtuosität augenblicklich zu zügeln und sie in den Dienst des Intellekts und der Schaff enskraft zu stellen. Er war ein echtes musikalisches Talent, mit erstaunlichem Temperament changierend zwischen stimmungsvollen, lyrischen Tönen und unbezähmbarer Explosivität.

Ein Star in der Welt des Jazz. War er ein Star?

Das war er sicherlich, doch sein Umgang mit dem Berühmtsein passt nicht in die heutige Zeit, die nach Sensationen und Skandalen giert. Ein provozierendes Verhalten etwa, welches zwangsläufi g Aufmerksamkeit erregt, das hatte Vaqif nicht nötig. Faszinierend in seiner unprätentiösen Einfachheit blieb er der „Junge von nebenan“. Genauso werden wir ihn in Erinnerung behalten – bescheiden und unberührt von den Versuchungen des Ruhms.- In der Tat, was ist das schon – Ruhm?

Anderssein macht den Menschen Angst. Sie sind dem Neuen und Ungewöhnlichen schon immer mit Argwohn begegnet. Unverständnis führt zu Feindseligkeit, scharfer Verurteilung, Hass und Bosheit. Dazu noch Individualität, die bekanntlich selten begrüßt wird. Dabei ist es nur ein kleiner Schritt vom Unverständnis zur Ablehnung.

Dem brillanten Künstler, dessen Kompositionen heute weltweit eine wichtige Inspirationsquelle sind, war der Gang über die Schwelle des Komponistenverbandes nicht vergönnt. „Er hatte seine höhere Ausbildung nicht abgeschlossen…“.

– Es scheint noch einigermaßen nachvollziehbar, wenn diese Worte einem Neuling in der Musik gelten. Zu dieser Zeit hatte Vaqif jedoch bereits eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Werken geschrieben, war im Land wohlbekannt und hatte Auftritte in Polen, Frankreich und anderen Ländern absolviert. Allein der sowjetische Plattenmonopolist „Melodija“ hatte zehn Alben mit seinen Werken veröff entlicht. Ein paar Wochen vor Vaqifs Tod wurde sein Konzert für Klavier und Orchester dem berühmten aserbaidschanischen Dirigenten Maestro Niyazi zur Begutachtung vorgelegt. Dieser arbeitete damals an verschiedenen Theatern und schrieb Musik für Dokumentarfi lme. Mit seinem Stück „Äzizäni gözläyärkän“ („In Erwartung Azizas“) errang er 1978 sogar den ersten Platz beim 8. Internationalen Wettbewerb für Jazzkomponisten. Er war der erste Komponist der Sowjetunion, dem eine solche Ehre zuteil wurde. Nein, er war bestimmt kein Anfänger in der Musik und doch wurde ihm im „Olymp“ des Verbandes der Komponisten kein Platz eingeräumt.

Heute wird er im kulturellen Leben weltweit als epochenprägend angesehen, während er zu Lebzeiten in seinem Heimatland nur als ‚Person mit einer unvollständigen Ausbildung’ galt. In dieser Zeit trübten zweifellos Haarspaltereien, Kleinlichkeit und Vorurteile das Urteilsvermögen der Funktionäre.

Auf der anderen Seite blicken wir heute auf die Kinder nicht respektierter Künstler wie Vaqif Mustafazadä, die nicht in die Heimat zurückkehren wollen. Man erkennt an, dass sie als direkte Zeugen der sowjetischen Inquisition ein Recht darauf haben, verletzt zu sein. Sie gingen fort, um nicht der Verbitterung zu erliegen, die ihre Eltern erfahren haben und um dem Neid weniger brillanter Zeitgenossen zu entgehen. Über Vaqif Mustafazadä brach eine ganze Lawine wütender Texte und Anfeindungen herein, doch er ertrug sie gelassen. Das war zweifelsohne eine seiner vielen Gaben: das Ertragen.

Die Kinder gehen fort, getrieben von einer tiefsitzenden Angst vor ihrem Schicksal, welches viele Kinder großer Eltern teilen. Zumal sie sich nur zu gut an die Entfremdung erinnern, an die absolute, eisige, kosmische Einsamkeit. Sie glauben nicht an unsere Reue. Wie sie auch nicht den rührenden Beteuerungen derjenigen Glauben schenken, die sich plötzlich auf frühere Freundschaft besinnen und behaupten, sie hätten dem Künstler schon immer eine großartige Karriere vorhergesagt. Solche angeblichen Off enbarungen sind nichts weiter als blühende Phantasien.

Arthur Koestler sagte einmal: „Je origineller eine Entdeckung ist, desto naheliegender erscheint sie hinterher.“ Das Beispiel Vaqif Mustafazadäs bestätigt dies. Es erscheint uns heute, da wir uns längst an die Tatsache gewöhnt haben, dass es so etwas wie aserbaidschanischen Jazz gibt, als habe es ihn schon immer gegeben. Wir haben völlig vergessen, dass für viele Jahre nicht einer der nicht-amerikanischen Künstler wirklich für sich beanspruchen konnte, er habe etwas grundlegend Neues im Jazz zu sagen. Die Veteranen des Genres schienen eine uneinnehmbare Bastion zu bilden. Dass dieses Monopol heute als aufgebrochen gilt, ist auch ein großes Verdienst der Arbeit von Vaqif Mustafazadä. „Aserbaidschanischer Jazz“ ist als anerkannter Begriff in alle musikalischen Nachschlagewerke aufgenommen worden. Es ist eindeutig Vaqif, dem wir für dieses Phänomen zu Dank verpfl ichtet sind.

Das Ausmaß des Verlustes begriff en wir erst ein Jahr nach seinem Tod. Ich erinnere mich, dass das staatliche Fernsehen eine Übertragung zum Jahrestag seines Todes vorbereitete. Natürlich kannte Vaqif Erfolg im Leben, er begleitete ihn bei jedem seiner Auftritte. Seine Popularität wuchs erstaunlich schnell in der ehemaligen UdSSR, genauso wie außerhalb des Landes. Seine Improvisationen, in denen tiefsinnige, nationale Volksweisen verarbeitet wurden, waren in Radio und Fernsehen zu hören. Indes erschien er uns erst nach seinem Tod in seiner ganzen, kreativen Größe. Strenggenommen wurde Vaqif erst mit den posthumen Sendungen über ihn wirklich anerkannt. Man begann, ihn den „Begründer des aserbaidschanischen Jazz“ zu nennen und die Aussagen zu wiederholen, die anerkannte Jazzmusiker bereits zu Lebzeiten über ihn getroff en hatten. Im Verlauf eines Abends fand eine Wandlung in der Wahrnehmung statt: Der verdiente Künstler der Republik, Vaqif Mustafazadä, entwickelte sich schlagartig zu einem Phänomen von weltweiter Bedeutung. Damit wurde auch seinen Landsleuten der wahre Wert der Ausnahmeerscheinung Mustafazadä bewusst.

Der bekannte amerikanische Musiker und Kritiker Willis Conover schrieb über ihn: „Mustafazadä ist ein Pianist ersten Ranges, es ist schwierig, einen ebenbürtigen im lyrischen Jazz zu fi nden. Er ist der poesievollste Pianist, den ich je gehört habe.“

Über Vaqifs Kompositionen bemerkte der schwedische Jazz-Pianist Johansson: „Seine Musik ist überraschend modern, aber gleichzeitig überliefert sie die Geheimnisse uralter kaukasischer Melodien hochgepriesener Dichter vieler Generationen. Es ist die Geschichte, die Scheherazade erzählte in der 1002. Nacht.“

Mustafazadä war ein „Titan der Kreativität“, andererseits aber völlig ungeschickt gegenüber dem, was gemeinhin ‚das Leben’ genannt wird. Wie alle von Natur aus Begabten war er wenig praktisch veranlagt und manchmal vollkommen hilfl os, wenn es darum ging, Entscheidungen zu den elementarsten Dingen des Lebens zu treff en. Die chronische Anfälligkeit für die alltägliche Verzweifl ung führte zu innerem Unbehagen, und er suchte dies zu bewältigen, indem er an schwierigen Stücken feilte. Ein Leben in ständiger nervöser Anspannung – es scheint unweigerlich zu einem dramatischen Ende verdammt gewesen zu sein.

Mustafazadä und seine Tochter Aziza

Vaqif starb in Taschkent. Auf der Bühne, am Klavier sitzend. „Äzizäni gözläyärkän“ – „In Erwartung Azizas“ – so lautete der Name seines zuletzt gespielten Stückes, es ist seiner Tochter gewidmet.. „Kunst hat keinen Sinn außer den Akt der Schöpfung selbst“, sagt man in Frankreich. Im Rückblick auf die mittlerweile weit zurückliegenden Konzerte begreift man die unbestrittene Gültigkeit dieser Worte.

Im Falle von Vaqif wurde der Schöpfungsakt zu einem Akt der Aufopferung und die Bühne, ach!, zu einem Kampfplatz um Leben und Tod. Er ist nun schon fast ein Vierteljahrhundert nicht mehr unter uns. Im Jahre 1979 hörte das Herz dieses ebenso originellen wie tragischen Menschen plötzlich auf zu schlagen. Der Meister, in dessen virtuosen Improvisationen Mugham neue Kontinuität und neues Leben gewonnen hat, ist nicht mehr. Er starb auf dem Höhepunkt seiner außergewöhn lichen Laufbahn. Da war er noch nicht einmal 40 Jahre alt.

Baku zeichnete sich schon immer durch seine Empfänglichkeit für Jazz-Kultur aus. Viele Musiker arbeiten bis heute in diesem verschwindenden Genre. Unter ihnen sind wahre Meister ihrer Kunst zu fi nden; der Jazz ist von hohem Niveau, und es fehlt nicht an kreativer Phantasie. Trotzdem glaube ich, dass sie nicht an die Genialität Vaqifs heranreichen können; er setzte den Maßstab für seine Nachfolger einfach zu hoch. Es sind Individualität und wahre Künstlerschaft, die guten Jazz ausmachen – vielleicht gerade weil Jazz kein Erzeugnis der Massenproduktion ist, gemacht zur Befriedigung des vermeintlichen Durchschnittsmenschen. Wir erlebten mit Vaqif einen anderen Jazz und einen anderen Jazz-Musiker, einen, der für den Jazz in Flammen stand und sich dabei selbst verbrannte – ganz und gar. Musikstücke in einem Jazz-Stil (oder Pseudojazz) unterscheiden sich von den ersten Takten an, denn Kunstfertigkeit kann nicht die Inspiration ersetzen. Vaqif war gleichzeitig Komponist, Arrangeur, Performer und Improvisator. Aber ich denke seine größte Leistung war es, das Bild eines aserbaidschanischen „Jazzman“ zu schaff en.

Seitdem sind Jahre vergangen. Aber jedes Mal, wenn ich an der Bülbül-Musikschule vorbeigehe, erscheint wie eine wundersame Fata Morgana wieder und wieder dieselbe Szene vor meinen Augen: Vaqif mit seiner kleinen Tochter in den Unterricht der zweiten Klasse eilend; dann, ein wenig später, lächelnd an seine Tochter gerichtet: „Habe ich etwas vergessen?“

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