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Oleg Kuznetsov

Oleg Kuznetsov ist ein bekannter russischer Historiker und politischer Analytiker

Mit der Zeit rückte die nationalistische Theorie von Nschdeh von einer parteipolitischen Philosophie zur nationalen Ideologie auf, an der ein Großteil der armenischen Gesellschaft nun festhält. Dieser Gesinnung zufolge sind nicht nur Bergkarabach, sondern auch die umliegenden besetzten Provinzen Aserbaidschans Teil Armeniens.

Portal: Sehr geehrter Herr Kusnetsow, als Historiker und Rechtswissenschaftler, der sich seit langem mit der Geschichte des transnationalen armenischen Terrorismus auseinandersetzt, bitten wir Sie, unseren deutschen Lesern die Persönlichkeit und Aktivitäten von Garegin Ter-Harutunjan, genannt Nschdeh, in wenigen Sätzen zu beschreiben.

Oleg Kuznetsov:  Garegin Nschdeh zählt zum typischen Vertreter des armenischen Nationalismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Als Sohn eines verarmten armenischen Priesters war er von der Sucht nach Ruhm und Reichtum getrieben und dazu noch von Eifer erfüllt. Die Aufmerksamkeit seines Umfelds versuchte er, mit extremsten Erscheinungsformen der Selbstdarstellung, nämlich mit Fanatismus, Affektiertheit, Bestimmtheit etc. zu erregen, stellte jedoch das materielle Prinzip stets in den Vordergrund. Anfang der 1930-er Jahre schuf Nschdeh seine ultranationalistische Organisation „Zegakron“ (auf Deutsch: Rassenreligion; wörtlich Träger der Rasse) und bezeichnete sich selbst als Sparapet (oberster Anführer). Den Fortschritt des Armenientums sah er etwa nicht in der Festigung der religiös-geistlichen, sondern in der Entwicklung der national-bürgerlichen Beziehungen. Somit trat er eindeutig in den Fußstapfen des nationalsozialistischen Gedankenguts in Deutschland. Ich beschäftige mich seit geraumer Zeit mit der Biographie von Nschdeh. In ihm finde ich weder den Geist eines Theoretikers (das Bild, das im heutigen Armenien gerne propagiert wird), noch das Charisma eines Politikers oder das Talent eines Staatsmannes. Sein lebenslang war er eine Art „unausgebildeter Student“, der seinen Lebensunterhalt durch journalistische und soziale Aktivitäten bestritt.

Portal: Warum hat das radikal-nationalistische Erbe der 1930-40-er Jahre im modernen Armenien an Popularität gewonnen?

Oleg Kuznetsov: Das ist durchaus eine zielgerichtete und systematisch angestrebte staatliche Politik. Wichtig ist an der Stelle abzuklären, warum die armenische Regierung und einflussreiche Diaspora in den letzten Jahren so sehr bemüht sind, das Image eines Nazikollaborateurs aufzupolieren. In den 1990-er Jahren wurde in Armenien wie auch in der Diaspora bekanntlich der Heldenkult von Monte Melkonjan, dem berühmt-berüchtigten Anführer der armenischen Terrororganisation ASALA, der neben dem libanesischen Bürgerkrieg (1975-1990) auch am Karabachkrieg (1988-1994) mitwirkte, eifrig praktiziert. Nach seinem ruhmlosen Tod beschloss das offizielle Jerewan das entstandene Vakuum zu füllen. Mit der Ernennung von Andranik Margarjan, dem Gründer und Chef der Republikanischen Partei, zum Ministerpräsidenten Armeniens im Jahr 2000 begann der Prozess, Garegin Nschdeh zu einer neuen Kultfigur zu avancieren. Die Republikanische Partei entstand übrigens auf Grundlage der Theorie des Zegakronismus. Es war auch der Zeitpunkt turbulenter innenpolitischer Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern des gestürzten Präsidenten Lewon Ter-Petrosjan und dem neuen Staatschef Robert Kotscharjan (der sogenannte „Karabach-Clan“). Die neuen Machthaber kreierten in umfassender Weise einen Heldenmythos um Nschdeh, der 1921 auf Kosten aserbaidschanischer Territorien die sogenannte „Republik Bergarmenien“ errichtet hatte. Dieses Erklärungsmuster der Republikanischen Partei diente dazu, die Bevölkerung Armeniens davon zu überzeugen, man habe das moralische Recht über sie zu herrschen. Mit der Zeit rückte die nationalistische Theorie von Nschdeh von einer parteipolitischen Philosophie zur nationalen Ideologie auf, an der ein Großteil der armenischen Gesellschaft nun festhält. Dieser Gesinnung zufolge sind nicht nur Bergkarabach, sondern auch die umliegenden besetzten Provinzen Aserbaidschans Teil Armeniens.

Portal: Was glauben sie, woran liegt die weitgehende Tatenlosigkeit der russischen Sicherheitsbehörden im Lichte der Glorifizierung des Nazikollaborateurs Nschdeh auf dem Territorium Russlands? Weshalb können die armenischen Propagandisten scheinbar unbehelligt agieren?

Oleg Kuznetsov: Diese Behauptung kann ich überhaupt nicht vertreten. Das Strafverfolgungssystem jedes einzelnen Landes verfügt gemäß der nationalen Gesetzgebung über eigene Besonderheiten. Die Bekämpfung von extremistischen Aktivitäten (Propagieren des Faschismus, Rehabilitierung des Nationalsozialismus oder Rechtfertigung des Terrorismus) fällt laut dem föderalen Gesetz in den Zuständigkeitsbereich des Innenministeriums und nicht den des FSB (russischer Inlandgeheimdienst), wie es möglicherweise in Deutschland der Fall ist. In jedem Föderationssubjekt Russlands gibt es regionale Zentren zur Bekämpfung des Extremismus oder die sogenannten Einrichtungen „E“, die der Hauptdirektion des Zentralapparats des Innenministeriums direkt unterstellt sind. Bewusst ist mir das Ganze aus meiner eigenen traurigen Erfahrung, als im Jahr 2016 meine Monographie zur „Geschichte des transnationalen armenischen Terrorismus im 20. Jahrhundert“ erschien. Die armenische Diaspora Russlands unternahm wiederholt Versuche, mich wegen angeblicher Anstiftung zum ethnischen Hass vor Gericht zu stellen. Zwei Jahre lang wurde ich immer wieder ins Polizeipräsidium des Zentrums „E“ einbestellt und befragt. Dieses Zentrum hat keinen Draht zu staatlichen Sicherheitsorganen, was wiederum davon zeugt, dass nicht die Staatssicherheit, sondern die Polizeibehörden als erstes gegen die Verherrlichung des Nationalismus in Russland vorgehen. Die Staatssicherheit greift erst dann ein, wenn aufgrund der Untätigkeit und Inkompetenz von Ordnungshütern aus extremistischen Aktivitäten eine potentielle Bedrohung für das bestehende politische System oder eine Terrorgefahr ausgeht. Als Beispiel dafür dient die Entfernung der Gedenktafel für Nschdeh von der Kirchenwand in der mehrheitlich armenisch besiedelten Stadt Armawir der Region Krasnodar im Süd-Westen Russlands.

Portal: Die armenische Seite setzt beinahe alles daran (u.a. mit Drohungen), um sie von ihrer Forschungstätigkeit, die ja auf die Enthüllung der armenischen Falsifizierungen ausgerichtet sind, abzubringen. Wie gehen Sie mit dieser Situation um? Welche Sicherheitsmaßnahmen ergreifen Sie?

Oleg Kuznetsov: Zu Beginn meiner öffentlichen Tätigkeit (vor allem nach der Veröffentlichung der obengenannten Monographie) war ich einem massiven moralischen, psychologischen und informatorischen Druck, den ich bis heute spüre, ausgesetzt. Mein Facebook-Account wird ständig von Jerewan aus überwacht. Armenische Kriegspsychologen nutzen jede Gelegenheit, um mein Profil zu sperren. Zwischen 2015 und Januar 2020 wurde mein Account für insgesamt 20 Monate blockiert. Während ich dieses Interview gebe, habe ich aufgrund erneuter Sperrung wieder mal keinen Zugang zu meinem Benutzerkonto. Am Anfang regte mich dieser Umstand unheimlich auf, doch mittlerweile begegne ich dem mit Gelassenheit entgegen. Die Drohungen erhalte ich in der Regel aus Jerewan und Stepanakert (Hauptstadt der separatistischen „Republik Bergkarabach“). Manchmal habe ich für die Schritte der armenischen Nationalisten, mich zum Schweigen zu bringen, nur noch Hohn und Spott übrig. Vor genau 8 Jahren initiierten die armenischen Propagandisten ein Informationsportal genannt „Orden der Kavierdiplomatie“. Ziel war es, alle berühmten Persönlichkeiten öffentlich an den Pranger zu stellen, die Aserbaidschan im Bergkarabachkonflikt unterstützten und sich den Grundsätzen der armenischen Propaganda querstellten. Neben Michael of Kent, dem Mitglied der britischen königlichen Familie und dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban fand ich im Jahr 2013 meinen Namen ebenfalls in dieser Liste. Nach anfänglicher Empörung freute ich mich im Nachhinein darüber und fühlte mich sogar geehrt, eine solche Beachtung verdient zu haben.

Portal:  Unseren deutschen Lesern wäre sicherlich interessant, ihre Haltung hinsichtlich der Annexion aserbaidschanischer Territorien durch Armenien zu wissen. Wie soll aus ihrer Sicht eine angemessene Beilegung aussehen?

Oleg Kuznetsov: Meine Position ist eindeutig: Die Okkupation aserbaidschanischer Territorien widerspricht gänzlich den internationalen Rechtsnormen und muss beendet werden. Armenien von heute stellt auf internationaler Ebene nichts anderes als ein Sackgassenprojekt dar, ein Staat, das in mentaler Hinsicht nicht in der Lage ist, ohne russischen Beistand in Form eines unabhängigen Staates zu existieren. Ein Land, das in seiner vorherrschenden religiös-totalitären Wahnideologie gefangen bleibt, ist auf lange Sicht und zwangsläufig zu Degradation und Degeneration verurteilt.

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