Print Friendly, PDF & Email

Matthias Wolf

Sprachwissenschaftler und Lehrer (Potsdam)

Ende Februar 1992: Mit russischer Unterstützung marschieren armenische Truppen in einer Nacht- und- Nebel-Aktion in eine Kleinstadt ein und ermorden über 600 unbewaffnete Zivilisten. Unter den Opfern befinden sich fast ausschließlich Frauen, Kinder und Alte. Von einem militärisch- strategischen Hintergrund ist also nicht auszugehen. Stattdessen geht es um eine Annektion. Seit den frühen 1920er-Jahren per Dekret des Obersten Sowjets in Moskau zu Aserbaidschan gehörte und schon immer von beiden Ethnien diesseits und jenseits der aserbaidschanisch-armenischen Grenze bewohnt wurde, soll nach dem Willen der neuen armenischen Regierung zum Staatsgebiet Armeniens zugeschlagen werden. Obwohl auch nach der Unabhängigkeit beider Länder im Jahre 1991 per UN-Resolution feststeht, dass Karabach zu Aserbaidschan gehört, weigert sich die Regierung in Jerewan bis heute, ihre Soldaten aus dem Gebiet abzuziehen. Soweit zu den Fakten und dem eigentlichen geopolitischen Problem, dessen Klärung weiterhin aussteht. Doch wie ist es eigentlich um das Wissen zu dieser Frage in Europa selbst bestellt?

Die aserbaidschanische Regierung und verschiedene studentische und interkulturelle Organisationen haben sich mehrfach an Organe der Bundesrepublik Deutschland und der EU gewandt, um Rat und Unterstützung zur Lösung des Konfliktes einzuholen. Doch schon über diese Schritte wurde die deutsche Öffentlichkeit über Zeitungen und den nationalen Rundfunk kaum informiert. Auch Demonstrationen aserbaidschanischer Diaspora–Gruppen finden in Medienberichten kaum Berücksichtigung. Ist dies doch einmal der Fall, so wird schnell klar, dass auch die Bundesrepublik Deutschland ganz klar Partei ergreift: Für Armenien.

Obwohl die armenischen Truppen völkerrechtswidrig auf aserbaidschanischem Territorium stationiert sind, weigert sich die Bundesregierung konstant, Partei für die eigentlichen Geschädigten und somit für die unschuldigen Opfer zu ergreifen. Eine ähnliche Tendenz ist auch in den Medien festzustellen, die immer wieder zwischen dem “christlichen Armenien” und dem “muslimischen Aserbaidschan” unterscheiden wollen. In einer Zeit, da der islamistische Terror in der westlichen Welt für alle Krisen verantwortlich gemacht wird, ist klar, welches Signal hier gesendet werden soll. Aserbaidschan, eben aufgrund seiner mehrheitlich muslimischen Bevölkerung, sei Hauptschuldiger an diesem Konflikt.

Dass aber dieser Krieg einen Territorial- und keinen Religionskonflikt darstellt, wissen in Westeuropa die wenigsten. Ebenso ist vielen Bürgern in Deutschland und anderen Ländern der EU nicht bekannt, dass vier UN-Resolutionen Aserbaidschan in dem Konflikt Recht geben.

Eben diese Resolutionen sollten auch die Basis für die Beurteilung des Konflikts sein, die grundsätzlich zwei Ziele verfolgen muss: Zum Einen die Rückgabe der Karabach-Gebiete an Aserbaidschan und damit den Abzug der armenischen Truppen. Zum anderen muss aber auch der Status der Ereignisse vom Februar 1992 geklärt werden. Die aserbaidschanische Öffentlichkeit sowie die Regierung des Landes unter Präsident Ilham Aliyev plädieren auf einen Völkermord.

Dieser Einschätzung ist meiner Ansicht nach zuzustimmen, da es sich um Vertreibungen mit dem Ziel der ethnischen Säuberung handelt. Diese Dimension des Konflikts wird in den deutschen Leitmedien oft zu wenig oder gar nicht aufgezeigt. Stattdessen ist immer von einem kulturellen Konflikt die Rede, was aber absolut nicht den Kern der Sache trifft.

Weiterhin entspricht nicht den Tatsachen, dass Aserbaidschan bisher keine Anstrengungen unternommen hätte, den Konflikt zu lösen. Präsident Ilham Aliyev hat mehrfach Bereitschaft zu Gesprächen signalisiert. Jedoch spielt hier das nationale Interesse an der Rückgabe der Gebiete eine große Rolle, was die armenische Seite regelmäßig zu Zynismus und dem Abbruch der Kommunikation veranlasst.

In diesem Sinne muss weiterhin das Ziel des aserbaidschanischen Staates in der Einforderung des Völkerrechts bestehen. Deutsche Medien und andere Institutionen müssen eine beidseitige Perspektive einnehmen und dabei auch die vier Resolutionen der UN mit einbeziehen. Organisationen der aserbaidschanischen Diaspora sollten verstärkt auf dieses Thema aufmerksam machen und stärker auf die jeweilige einheimische Bevölkerung eines EU-Landes zugehen. Nur so kann erreicht werden, dass das Thema “Karabach” nicht nur hinter verschlossenen Türen von Leuten im Anzug diskutiert wird.1

0